Full text : Geschichte der Hohenzollern.

###

Zu  derselben  Zeit  hatte  Preußen  aber  noch  einen  größeren  Schimpf  zu
erdulden.  Seit  der  Mitte  des  Juni  hatten  durch  Vermittelung  des  in  franzsfischer
  Gefangenschaft  befindlichen  Lord  Barmouth  Friedensunterhandlungen  mit
England  begonnen.  Als  eine  unerläßliche  Vorbedingung  hatte  dieser  die  Rückgabe
  des  Kurfürstenthums  Hannover  verlangt.  Auch  Malta  und  das  Cap  der
guten  Hoffnung  wollte  England  unbedingt  behalten.  Napoleon  willigte  in
Letzteres,  nur  Sicilien,  welches  damals  fast  ganz  von  den  Engländern  abhängig
  war,  sollten  sie  räumen.  „Hannover,  lautete  es,  sollte  keine
Schwierigkeit  machen,“  obschon  zu  derselben  Zeit  dem  Grafen  Haugwitz
mitgetheilt  wurde:  „England  verlange  die  Rückgabe  Hannovers,  die
er  nie  bewilligen  werde.  Nur  durch  einen  kräftigen  Krieg  könne  es
erreicht  werden,  annehmlichere  Bedingungen  zu  stellen;  Preußen  solle  sich  deshalb
  darauf  vorbereiten.“

Richtsdestoweniger  war  es  dem  Kaiser  mit  diesem  Anerbieten  völlig  Ernst,
denn  er  verlangte  von  England  nur  Geheimhaltung  des  Artikels  über  die  Rückgabe,
  versicherte  sogar,  wie  wir  schon  oben  gesehen,  auf  Englands  Wuntsch,
daß  nicht  die  Hansestädte,  sondern  die  unbedeutenden  Gebiete  von  Fulda,  Hoya
u.  s.  w.  die  beabsichtigte  Entschädigung  bilden  würden.  Napoleon  glaubte  um
so  rückfichtsloser  gegen  Preußen  verfahren  zu  können,  da  er  in  der  Mitte  des
Juli  einen  ursprünglich  von  Preußen  vermittelten  Vertrag  mit  Rußland  abgeschlossen,
  nach  welchem  der  Kaiser  Alerander  seine  Zustimmung  gab,  daß  Cattaro
den  Franzosen  übergeben  und  in  geheimen  Artikeln  für  sie  günstige  Bedingungen
in  Betreff  Siciliens  festgestellt,  auch  Friede  zwischen  Preußen  und  Schweden
vermittelt  würde,  doch  ohne  daß  letzteres  Schwedisch-Pommern  verlöre  —  also
auch  hier  so  viel  als  möglich  zum  Schaden  für  Preußen.

Und  während  so  Napoleon  gegen  Preußen  jede  Art  von  Treulofigkeit  und
schmachvoller  Beleidigung  ohne  Rückhalt  ausübte,  langte  die  Nachricht  in  Berlin
an,  der  Marschall  Bernadotte  habe  am  28sten  Juli  Nürnberg  besetzt,  und
Truppenmassen  sammelten  sich  in  dem  Großherzogthum  Berg.  Gerüchte  verbreiteten
  sich,  Baireuth  solle  an  Baiern,  Ostfriesland  an  Holland,  Münster  an
den  Großherzog  von  Berg  gegeben  werden.  Preußen  schien  zur  Theilung
bestimmt.

Daß  sich  Napoleon  nach  Allem,  was  er  gegen  Preußen  gethan,  auf
einen  Krieg  gefaßt  machte,  ist  leicht  zu  begreifen,  und  demnach  jenes  Gerücht
gewiß  nicht  ganz  unbegründet.  Länger  dem  Treiben  ohne  Sicherheitsmaßregeln
zuzusehen,  wäre  das  Uebermaß  der  Thorheit  gewesen;  daher  dachte  man  an
Bewaffnung.  Am  gten  August  wurde  provisorisch  die  Ordre  dazu  gegeben.

An  diesem  Tage  nämlich  langte  ein  Schreiben  des  Marquis  Luchhefini
in  Berlin  an,  in  welchem  nicht  nur  die  ganz  richtige  Nachricht,  daß  Napoleon
den  Engländern  Hannover  angeboten  habe,  zwar  als  wenig  glaubwürdiges
Gerücht,  sondern  auch  die  gewiß  erdichtete,  daß  Alerander  um  den  Preis  des
preußischen  Polens  sich  mit  Napoleon  gegen  Preußen  einigen  würde,  als  sehr