Full text : Bismarck Die gesammelten Werke. Band 5. (5)

222  Mitteilung  des  österreichischen  Memorandums  nach  München.

reitwilligkeit,  die  Militärfrage  den  österreichischen  Ansichten  gemäß  am  Bunde  zu  behandeln
  und  das  Maß  der  an  Preußen  von  den  Herzogtümern  zu  gewährenden  Konzessionen
  der  Verhandlung  mit  dem  Souverän  der  letzteren,  wenn  dazu  der  Großherzog
von  Oldenburg  berufen  wird,  vorzubehalten,  den  aufrichtigen  Wunsch  einer  Verständigung
  und  einer  Beseitigung  der  Schwierigkeiten  und  Anstöße,  welche  unser  Verhältnis
zu  Österreich  in  der  letzten  Zeit  getrübt  haben,  erblicken  wird;  und  ich  sehe  Ihren  Nachrichten
  über  die  Aufnahme,  welche  meine  Bemerkungen  gefunden  haben,  mit  lebhaftem
Interesse  entgegen.

*130.  Erlaß  an  den  Gesandten  in  München  Heinrich  VII.  Prinzen  Reuß.

[Konzept  von  der  Hand  des  Vortragenden  Rats  Abeken.]
Vertraulich.  Karlsbad,  den  5.  Juli  1865.

Ew.  pp.  habe  ich  unter  dem  20.  v.  M.  die  österreichische  Depesche  vom  5.  v.  M.¹  mitgeteilt,
  welche  in  der  Betrachtung  der  allgemeinen  Lage  der  Schleswig-Holsteinschen  Angelegenheit
  die  Geneigtheit  durchblicken  ließ,  die  Verhandlungen  über  unsere  Vorschläge
vom  22.  Februar  wieder  aufzunehmen,  sowie  meine  vom  16.  v.  M.  datierte  Erwiderung²
worin  ich  bemerkte,  daß  wir  unsererseits  keine  anderen  Vorschläge  machen  könnten,  aber
keinen  Anstand  nehmen  würden,  angemessene  österreichische  Gegenvorschläge  zu  erwägen
und  zu  diskutieren.

Infolgedessen  hat  der  Kaiserliche  Herr  Minister  dem  Freiherrn  von  Werther  vor
der  Abreise  des  letzteren  nach  Karlsbad  ein  Schriftstück  übergeben,  welches  in  freierer
Form  als  eine  Art  Memorandum,  und  ohne  von  einer  offiziellen  Mitteilung  begleitet  zu
sein,  die  Gedanken  des  Wiener  Kabinetts  über  die  Stellung  des  künftigen  Staates  zu
Preußen  entwickelt.  Ew.  pp.  finden  dasselbe  in  der  abschriftlichen  Anlage  ebenso  wie
meine  in  Bezug  darauf  mit  Genehmigung  Seiner  Majestät  des  Königs  unter  dem  3.  d.  M.
an  den  inzwischen  nach  Wien  zurückgekehrten  Freiherrn  von  Werther  gerichteten  Depesche.³

Ich  bezweifle,  daß  das  erwähnte  Wiener  Memorandum  in  München  mitgeteilt
worden  sei.  Dasselbe  ist  daher  auch  nur  ebenso  wie  meine  Erwiderung  zu  Ew.  pp.  eigener
Kenntnisnahme  und  Orientierung  bestimmt.

Ich  wünsche  indes,  daß  Ew.  pp.  dem  Königlich  Bayrischen  Herrn  Minister  mündlich
mitteilen,  wie  wir  bereitwillig  anerkennten,  daß  der  Bund  wegen  der  in  Betracht  kommenden
  Fragen  der  Bundeskriegsverfassung  ein  wesentliches  Interesse  an  der  Gestaltung
dieser  Verhältnisse  und  ein  Recht  habe,  darüber  gehört  zu  werden;  wie  wir  daher  uns  in
Wien  bereit  erklärt  hätten,  diese  Seite  der  künftigen  Beziehungen  am  Bunde  zu  erörtern.
Andere  Seiten  der  letzteren  entziehen  sich,  wie  auch  dem  Freiherrn  von  der  Pfordten  nicht
entgehen  kann,  der  Kompetenz  des  Bundes,  indem  z.  B.  Territorialabtretungen  mit  allen
darauf  haftenden  Hoheitsrechten  zu  Gunsten  eines  Mitgliedes  des  Bundes  der  Mitwirkung
des  Bundes  nicht  bedürfen  und  auch  eine  Verschmelzung  des  Verkehrswesens  bereits  in

1  Vgl.  die  Vorbemerkung.  zu  Nr.  120.
2  Siehe  Nr. 120.
3  Siehe  Nr.  129.