Full text : Rosenheimer Anzeiger. 62. Jahrngang (62)

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rasch  ganz  von  selbst  das  leitende  Prinzip,  der
Hauptkolonisationszweck,  zu  werden,  dem  sich  alle
übrigen  erstrebenswerten  Ziele  unterzuordnen
haben.  Und  mit  Recht.  Denn  eine  erfolgreiche
Ansiedlung  pflegt  auch  die  übrigen  kolonialen
Zwecke,  den  Handel  mit  dem  Mutterlande  und
die  zweckmäßigste  Ausnutzung  der  natürlichen
Landeskräfte  zu  fördern,  während  sie  anderseits
zur  Ausbreitung  heimischen  Volkstums,  heimischer
Sprache  und  Sitte  dient,  das  neue  Land  dem
Mutterland  auch  innerlich  dauernd  zu  eigen
macht  und  so  eine  feste  Erweiterung  der  Machtbafis
  des  letzteren  bedeutet.  Alle  großen  Kolonialvölker
  der  Vergangenheit  und  Gegenwart,  Phönizier,
  Griechen,  Römer,  Spanier,  Portugiesen,
Holländer  und  Engländer  haben  ihre  Weltmachtstellung
  und  ihren  weltbewegenden  Einfluß  der
Hauptsache  nach  auf  Siedlungskolonien  aufgebaut.
  Das  Band,  welches  einmal  gefestigte
Siedlungskolonien  mit  dem  Mutterland  verbindet,
ist  ein  äußerst  zähes  und  kann  selbst  den  staatlichen
  Zusammenhang  überdauern.  Australien
und  Kanada  würden  selbst  im  Fall  einer  politischen
  Loslösung  von  England,  gleich  den  Vereinigten
  Staaten,  kaum  aufhören,  Hochburgen
angelsächsischen  Geists,  englischer  Sprache  und
Sitte  in  der  Welt  zu  bleiben.

Erfüllt  demnach  ein  Kolonialland  die  Bedingungen,
  welche  einer  dauernden  Ansiedlung
des  kolonisierenden  Volks  in  größerem,  geschlossenem
Umfang  und  entsprechender  Volkszahl  wirklich
günstig  sind,  so  ergibt  sich  schon  daraus  seine
Einreihung  in  die  vornehmste  Klasse  kolonialer
Besitzungen.

Als  ein  Siedlungsland  im  vorstehenden
Sinne  kommt  von  den  deutschen  Kolonialbesitzungen
  aber  allein  Südwestafrika  in  Betracht.
Mit  Ausnahme  allerdings  seiner  Nordwestecke,
des  Ambolandes,  dessen  Klima  der  Existenz  von
weißen  Familien  nicht  günstig  ist,  auch  schwere
Arbeit  von  Weißen  nicht  gestattet.  Dieser  Teil
des  Landes  nähert  sich  in  seinem  ganzen  Charakter
schon  den  tropischen  Gebieten  Afrikas  und  wird

als  Pflanzungskolonie  vorteilhaft  zu  entwickeln

sein.  In  dem  ganzen  übrigen  Gebiet  ist  das
Klima  als  für  das  Gedeihen  der  weißen  Rasse
durchaus  günstig  zu  bezeichnen.  Ist  aber  diese
eine  Grundbedingung  der  Besiedlung  vorhanden,
so  entsteht  die  weitere  Frage  nach  den  natürlichen
  Wertquellen  des  Landes,  auf  welche
mit  Arbeit  und  Kapital  eine  Entwicklung  desselben
  ausgebaut  werden  kann.

Zunächst  die  zweifellos  sehr  reichlich  vorhandenen
  Erzlager.  Trotzdem  das  gewaltige
Gebiet  bisher  nur  in  ganz  unzureichendem  Maße
an  einzelnen  Stellen  prospektiert  worden  ist,
liegen  bekanntlich  bereits  eine  Reihe  wichtiger

 

geologischer  Entdeckungen  vor,  welche  teils  (wie
bei  den  verschiedenen  Kupfer-Vorkommen)  direkte
Funde  von  Erzlagern  darstellen,  teils,  wie  bei
Diamanten,  Gold,  Kohle,  Zinn,  einstweilen  erst
auf  die  Möglichkeit  oder  Wahrscheinlichkeit  des
Vorkommens  dieser  Mineralien  in  abbauwürdigen
  Mengen  und  Formen  hinweisen.  Von  den
Kupferminen  sind  als  abbauwürdig  erwiesen  und
bereits  in  Betrieb  befindlich  die  von  Tsumeb  und
Guchab  im  Bezirk  Grootfontein.  Mit  ziemlicher
Sicherheit  kann  auch  die  Rentabilität  der  Otjosongati-Minen
  (Bezirk  Windhuk)  —  wenigstens
für  den  Kleinbetrieb  —  angenommen  werden.
Für  eine  Reihe  anderer  Minen  sind  bereits  Gesellschaften
  gebildet  oder  noch  in  der  Bildung
begriffen.

Schwierigkeiten  für  alle  Minenbetriebe  bereitet
neben  der  Verkehrsverbindung  —  namentlich  in
der  Mitte  und  im  Süden  —  die  Wasserfrage.
In  vielen  Fällen  wird  sie  sich  allerdings  ohne
unverhältnismäßige  Unkosten  lösen  lassen.  Von
großer  Wichtigkeit  ist  daneben  die  Kohlenfrage;
denn  die  importierte  Kohle,  welche  für  jetzt
natürlich  allein  in  Betracht  kommt,  —  z.  B.  beim
Betrieb  der  Tsumeb=  und  Guchab-Mine  —  verteuert
  jedes  Unternehmen  beträchtlich.

Es  wäre  daher  z.  Zt.  das  Auffinden  abbauwürdiger
  Kohlenlager  im  Lande  bedeutungsvoller
als  etwaige  weitere  Funde  anderer  Mineralien.
Stellen,  wo  solche  Lager  nach  der  geologischen
Formation  verwertet  werden  können,  sind  vorhanden
  und  es  ist  dringend  wichtig,  eingehende
Probebohrungen  so  bald  als  möglich  einzuleiten.

Eine  wesentliche  Förderüng  in  der  Erforschung
der  Erzvorräte  des  Landes  wird  durch  die  Tätigkeit
  eines  Konsortiums  zu  erwarten  sein,  welches
aus  Frankfurter  Finanzleuten  mit  einem  namhaften
  Kapital  neuerdings  gebildet,  die  Einrichtung
eines  Laboratoriums  in  Swakopmund  bezweckt,
in  dem  alle  Mineralfunde  aus  dem  Lande  fortlaufend
  untersucht,  nach  den  Fundstellen  eingetragen
  und  begutachtet  werden  sollen.

Neben  der  Erzindustrie  steht  als  vornehmste
Besiedlungsbasis  die  Landwirtschaft.  Ihre
erste  natürliche  Grundlage  bildet  die  Weide.

Im  Gegensatz  zu  den  relativ  geringen  Waldresten
  ziehen  sich  die  Weidefelder  in  einer  Ausdehnung
  von  insgesamt  etwa  55  Millionen
Hektar  längs  von  Süden  nach  Norden  durch  das
ganze  Schutzgebiet.  Sie  repräsentieren  den  Boden
für  die  extensive  Farmwirtschaft  und  damit  die
Grundlage  der  ersten  ländlichen  Besiedlung  überhaupt.
  Die  zweckmäßigste  Art  der  Viehwirtschaft
ist  je  nach  der  Gegend  völlig  verschieden.

Im  Süden,  dem  Großnama=  und  Bastard-Land,
  finden  sich  neben  äußerst  nahrhaften  und
zarten  Gräsern  in  großer  Anzahl  eine  Reihe  auch