Full text : Unser Preußen.

98  Zweiter  Zeitraum.

als  er  hörte,  daß  ihrer  viel  mehr  seien,  schrieb  er:  „Sehr  gut!  Gottlob!  Was
thut  Gott  dem  brandenburgischen  Hause  für  Gnade!  Denn  dieses  gewiß  von
Gott  kommt!“  Im  ganzen  kamen  20000  Salzburger,  von  denen  15500
nach  Preußen  zogen  und  12000  auf  Staatskosten  angesiedelt  wurden.  Den
Gewerbetreibenden  wurden  in  Gumbinnen,  Darkehmen  und  anderen  litanischen
Städten  auf  Staatskosten  Häuser  erbaut;  die  Bauern  erhielten  Acker,  Häuser,
Vieh,  Geräte  und  Korn.  Es  empfing  z.  B  B.  der  Vollbauer  außer  Haus  und
Hof:  vier  Pferde,  vier  Ochsen,  drei  Kühe,  Wagen,  Pflug  und  Egge,  Pferdegeschirr,
  eine  Sense,  sechzig  Scheffel  Roggen,  achtzehn  Scheffel  Gerste,  vierzig
Scheffel  Hafer  und  zwei  Scheffel  Erbsen  zur  Aussaat.  So  wurde  Litauen
in  ein  blühendes  Land  verwandelt;  sechs  Städte  (Stallupönen,  Darkehmen,
Ragnit,  Gumbinnen,  Pillkallen  und  Schirwindt)  wurden  neu  gegründet,  sechs
andere  fast  ganz  wieder  aufgebaut,  49  Domänengüter  und  332  Dörfer  neu
angelegt,  60000  Hufen  neu  besiedelt.  Als  der  Kronprinz,  der  spätere  Friedrich
der  Große,  1739  als  Stellvertreter  des  erkrankten  Königs  dies  Land  besuchte
und  mit  Erstaunen  wahrnahm,  wie  sein  Vater  eine  fast  menschenleere  Wüste
in  eine  blühende  Provinz  umgeschaffen  hatte,  erkannte  er  die  großen  Verdienste
desselben.  In  Gumbinnen,  inmitten  seiner  großartigen  Schöpfungen,  ist
Friedrich  Wilhelm  mit  Recht  ein  Denkmal  gesetzt,  dessen  Sockel  die  Inschrift
trägt:  „Friedrich  Wilhelm  I.,  Litauens  Wiederhersteller,  Gumbinnens  Gründer.“
Die  Städte  hatten  nicht  nur  an  den  Folgen  des  Dreißigjährigen  Krieges
noch  schwer  zu  tragen,  sondern  auch  unter  einer  schlechten  Verwaltung  zu
leiden.  Wenige  patrizische  Familien  hatten  die  städtischen  Amter  in  ihre  Gewalt
  gebracht  und  suchten  jeden  anderen  davon  fern  zu  halten;  durch  Ausnutzung
  städtischer  Gerechtsame,  wie  Jagd,  Fischerei,  Holzung  und  Weide,
ja  selbst  durch  grobe  Unterschleife  bereicherten  sie  sich.  Um  möglichst  vielen
diesen  Vorteil  zuzuwenden,  errichteten  sie  immer  neue  Amter;  so  hatte  Berlin
1705  bei  55000  Einwohnern  75  Bürgermeister  und  Natsherren.  Trotzdem
wurden  die  Geschäfte  von  Jahr  zu  Jahr  verschleppt,  die  Rechnungen  nicht
abgenommen,  die  Rechtspflege,  besonders  die  Straßen=  und  Feuerpolizei,
mangelhaft  verwaltet.  Fast  alle  Städte  waren  tief  verschuldet;  Handel  und
Gewerbe  stockte,  selbst  die  Leinen=  und  Eisenindustrie  in  den  westlichen  Provinzen
krankte.  In  Stendal  lagen  1721  noch  365,  in  Salzwedel  191  wüste  Stellen.
Friedrich  Wilhelm  griff  auch  hier  rücksichtslos  ein.  Er  ließ  durch  strenge
Untersuchung  das  ÜUbel  aufdecken,  dann  traf  er  Maßregeln  zur  Besserung.
Die  Städte  wurden  unter  die  Aufsicht  der  Provinzialverwaltung  gestellt;
die  Zahl  der  Natsmitglieder  wurde  auf  das  Notwendige  beschränkt,  neue  Mitglieder
  ernannte  der  König  auf  Vorschlag  des  Rats,  aber  aus  allen  Ständen.
Neben  dem  Rat  wurde  wieder  ein  Bürgerausschuß  eingesetzt.  Jährlich  mußte
ein  städtischer  Etat,  d.  i.  ein  Voranschlag  über  Einnahmen  und  Ausgaben,
aufgesetzt  und  die  Jahresrechnung  genau  geprüft  werden.  Die  ständische  Steuerverwaltung
  (S.  50)  wurde  aufgehoben  und  das  gesamte  Polizeiwesen  neu  geordnet.
  Weil  der  König  zu  den  Soldaten  das  größte  Vertrauen  hatte,  zwang
er  die  Städte,  viele  ihrer  Amter  mit  Soldaten  zu  besetzen.
Um  die  Einwohnerzahl  der  Städte  zu  mehren,  gewährte  der  König
einwandernden  Handwerkern  Ersatz  der  Reisekosten,  Steuer-Freijahre  sowie