1. Die Neugründung des Staates durch den Großen Kurfürsten. 49
Staatseinrichtungen, welche Friedrich Wilhelm später traf, hat er in Holland
die Anregung empfangen.
Aber auch die Willenskraft des Prinzen wurde im Kampfe gegen jugend—
liche Leidenschaft gestählt. Im Haag zogen ihn junge Edelleute und Fürsten—
söhne in ihr leichtfertiges Treiben. Eines Abends war er zu einem Mahle
geladen, das bis in die Nacht währte. Als lose Dirnen in den Saal traten,
erhob sich der Kurprinz, um sich zu entfernen. Seine Freunde umringten
ihn und baten, er möge doch bleiben. Er aber erwiderte: „Ich weiß, was
ich meinen Eltern, meinem Lande und meiner Ehre schuldig bin!“ —
und ging. Gleich am folgenden Morgen verließ er den Haag und eilte in
das Kriegslager zum Prinzen von Oranien, der eben Breda (n. ö. v. Antwerpen)
belagerte. Als dieser den Grund seiner plötzlichen Entfernung aus
dem Haag erfuhr, klopfte er ihm auf die Schulter und sprach: „Eure Flucht
beweist mehr Heldenmut, als wenn ich Breda eroberte. Vetter, Ihr habt
das gethan, Ihr werdet mehr thun; wer sich selbst besiegen kann, der ist zu
großen Unternehmungen fähig.“ Der Kurprinz wäre gern noch länger in
Holland geblieben; aber Schwarzenberg betrieb seine Rückberufung. Er hätte
ihn gern die Rückreise über Wien nehmen lassen, wahrscheinlich, um ihn mit
einer Kaisertochter zu verloben — hatte sich doch der Kaiser erboten, einen
Teil der Reisekosten zu tragen! —, allein der Prinz kehrte (1638) auf dem
Seewege über Hamburg zurück. Welchen Eindruck mußte der gereifte Prinz
gewinnen, wenn er die verwüstete Mark mit dem blühenden Holland verglich,
das er soeben verlassen hatte!
Eine traurige Erbschaft hinterließ Georg Wilhelm seinem noch nicht
21 Jahre alten Sohne. Die Mark war bis aufs Blut ausgesogen. Alle
Geschäfte standen still; auf viele Meilen fand man weder Vieh noch Menschen.
Pommern, die Lausitz und mehrere märkische Festungen waren von den
Schweden, Kleve und Mark von den Holländern besetzt. Das einzige Land,
welches dem Kurfürsten noch einige Mittel geboten hätte, Preußen, mußte
als Lehen ihm erst übertragen werden. Alle Landesteile erwarteten Hilfe
von dem Landesherrn, und doch wollte keiner für den andern etwas thun.
Dem Kurfürsten aber fehlte fast jedes Hilfsmittel. Das von seinem Vater
gegen Schweden gesammelte Heer war gleich nach dessen Abreise nach Preußen
„zerschmolzen wie Schaum auf dem Wasser“; die noch vorhandenen Truppen
waren auch dem Kaiser, als dem Bundesgenossen Georg Wilhelms, vereidigt,
und ihre Fahnen zeigten auf der einen Seite das brandenburgische, auf der
andern das kaiserliche Wappen. Aber die das Land schützen sollten, waren
demselben nur zum Verderben: vor den kurfürstlichen Reitern war kein Stück
Vieh, kein Mensch sicher. An eine geordnete Rechtspflege war nicht zu denken;
man fand „im Lande nichts Gemeineres als Lamentieren über Ungerechtigkeit,
Verderbtheit und Unbilligkeit der Richter und Beamten.“ Dabei mußte
der Kurfürst sich überhaupt fürchten, einen entscheidenden Schritt zu thun.
„Auf der einen Seite,“ so schrieb er, „hab' ich die Krone Schweden, auf der
andern den Kaiser; ich sitze zwischen ihnen und erwarte, was sie mit mir
anfangen, ob sic mir das Meinige lassen oder nehmen.“ Aber der Kurfürst
zeigte sich trotz seiner Jugend der Lage gewachsen. Er besaß neben großer
Hoffmeyer, Unser Preußen. 4