Inhaltsverzeichnis : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Erster Band. (1)

Am  8.  Juli  1914  war  das  Abkommen  bis  auf  den  letzten  Paragraphen
fertiggestellt,  und  Kühlmann  trat  seinen  Sommerurlaub  an.  Als  Tag  der
Ratifikation  war  der  4.  August  1914  vereinbart  worden.  Das  Schriftstück,  das
die  Zustimmung  dee  deutschen  Auswärtigen  Amtee  zu  der  Ratifikation  auesprach,
traf  aus  Berlin  am  31.  Juli  in  London  ein,  gleichzeitig  mit  der  Berliner  Depesche,
daß  in  Deutschland  der  Zustand  drobender  Kriegsgefahr  verkündet  worden  sei  ...
An  dem  Tage,  der  für  die  Vollziehung  des  deutsch-englischen  Weltwirtschafteabkommene
  vorgesehen  war,  erging  die  englische  Kriegeerklärung  und  vernichtete
das  Werk  des  deutsch-englischen  Ausglelche,  das  die  Rettung  der  Welt  hätte
werden  können.

5.

Schon  vorher  nämllch  hatten  sich  in  den  Mittelmeerländern  jene  Erelgnisse
abgespielt,  die  in  ihrem  Verlauf  den  unmittelbaren  Ausbruch  des  Weltkrieges
auslösen  sollten.

1911  nahm  Btalien  der  mit  Deutschland  und  Österreich  befreundeten  Kürkei
ihre  afrikanlsche  Kolonie  Tripolis  weg.  Daß  es  une  dadurch  der  Türkei  gegenüber
  In  eine  höchst  peinliche  Lage  brachte,  war  klar.  Aber  die  Türkei  stand  damale
  bereite  unter  der  Vorwirkung  von  Ereignissen,  dle  sie  im  Zentrum  ihree
Lebens  treffen  sollten.  Sie  war  deshalb  genstigt,  den  Krieg  mit  Italien  unter
Anerkennung  der  vollzogenen  Tatsache  des  Verlustee  ihres  letzten  afrlkanischen
Besitzes  abzubrechen.  Sie  war  auch  nicht  in  der  Lage,  uns  gegen  unseren  Dreibundgenossen
  auszuspielen  oder  wegen  unseres  Versagene  in  der  Tripollefrage
von  uns  abzurücken.

Denn  inzwischen  war  es  Rußland  gelungen,  die  Balkanvölker  zu  einem
gemeinsamen  Uberfall  auf  die  Kürkei  im  Balkanbunde  zusammenzuschließen.
Bulgarien,  Serbien,  Montenegro  und  Griechenland  erklärten  der  Türkei  unter
nichtlgen  Vorwänden  den  Krieg.  Die  Türkei  erlitt  schwere  Niederlagen  und  mußte
die  Vermlttlung  der  Mächte  erbitten.  Zur  Regelung  der  Balkanverhältnisse
trat  im  September  1912  eine  Konferenz  in  London  zusammen.

Das  schwierigste  Problem,  welches  sie  zu  lösen  hatte,  war  die  albanische
Frage.  Den  Ostsaum  des  Adriatischen  Meeres  zwischen  Montenegro  und  Griechenland
  und  das  Hinterland  dieses  Gebietes  bewohnt,  mit  Serben  und  Griechen
vermischt,  das  rauhe  Hirtenvolk  der  Alb  anesen,  das  bis  zum  Ausbruch  des  Balkankrieges
  noch  unter  türkischer  Herrschaft  gestanden  hatte.  Nun  meldete  es  eigene
natlonale  Ansprüche  an,  während  die  slegreichen  Balkanvölker  es  unter  sich  aufteilen
  wollten.  Hem  widersetzten  sich  Osterreich  und  Italien.  Die  Konferenz  beschloß,
  daß  aus  den  albanischen  Wilajete  (Generalgouvernemente)  der  Türkei
ein  selbständiger  Nationalstaat  Albanien  gebildet  werden  sollte.

Aber  während  die  Mächte  in  London  noch  vechandelten,  brach  zwischen
zweien  der  Sieger,  Serbien  einerseits  und  Bulgarien  andererseite,  der  Krieg
über  die  Siegesbeute  aus.  Griechenland  und  Montenegro  schlossen  sich  den
Serben  an,  die  Bulgaren  gerleten  in  harte  Bedrängnis.  Und  nun  mischte  sich
auch  das  bisher  vom  Kriege  unberührt  gebliebene  Rumänien  ine  Spiel.  Es
hatte  mit  schweren  Sorgen  den  großen  Landgewinn  angesehen,  welchen  Bulgarien
  sich  gegen  die  Türkel  erstritten  hatte,  und  der  die  Machtverhitnisse  auf  dem

4