thumbs : Politische Geschichte der Gegenwart. V Das Jahr 1871. (5)

6  Die  Haltung  der  Patrioten.

Mitglieder  der  patriotischen  Partei,  darunter  Greil,  in  der  siebenten
Sitzung  den  Schluß  der  Diskussion,  während  sonst  gerade  diese
Partei  durch  ihre  Vorliebe  für  endlose  Berathungen  die  Zuhörer
und  Leser  fast  zur  Verzweiflung  brachte.  Der  Antrag  fiel  mit  großer
Majorität  durch.  Erfreulich  war  es,  daß  mehrere  Mitglieder  der
patriotischen  Partei  sich  ganz  entschieden  für  die  Annahme  der  Ver—
träge  aussprachen:  Dr.  Sepp  hielt  eine  begeisterte  Rede  für  Kaiser
und  Reich  und  sagte,  jetzt  könne  man  stolz  darauf  sein,  der  deutschen
Nation  anzugehören;  Dr.  Schleich,  Redakteur  des  „Münchener
Punsch,“  rief  für  den  Fall  der  Verwerfung  ein  Finis  Bavariae!
aus;  Dr.  Huttler,  Verleger  der  klerikalen  „Augsburger  Postzeitung,“
erklärte,  das  bairische  Volk  und  speciell  der  schwäbische  Stamm  wolle
deutsch  und  beim  Reich  sein;  der  Pfarrer  Hafenmaier  sah  in  dem
Eintritt  Baierns  in  den  deutschen  Bund  das  einzige  Mittel,  die
Selbständigkeit  Baierns  auf  die  Dauer  zu  sichern.  Andererseits
blieb  eine  geschlossene  Phalanr  von  „Patrioten“  ihrem  alten  Standpunkt
  getreu,  und  manche  ergiengen  sich  wiederum  in  den  heftigsten
Ausfällen  gegen  Preußen:  Dr.  Jörg  als  Vertreter  der  Ausschußmehrheit
  und  ihres  Antrags  verfocht  aufs  neue  die  alte  Triasidee,
wonach  zwischen  dem  deutschen  Kaiser  und  Oestreich  das  Königreich
  Baiern  in  der  Mitte  stehen  sollte,  und  nannte  den  Eintritt
in  das  deutsche  Reich  eine  Mediatisirung  der  Krone  Baiern;
Dr.  Pfahler,  Pfarrer  in  Deggendorf,  als  Bauernagitator  bekannt,
gab  als  Resultat  seiner  Geschichtsstudien  die  Erklärung  ab,  „die
vorliegenden  Verträge  seien  von  Preußen  schon  seit  dem  vorigen
Jahrhundert,  als  es  die  schlesischen  Kriege  führte,  vorbereitet,  seit
1815,  da  es  die  Wiederherstellung  des  deutschen  Reiches  hinderte,
seit  1859,  da  die  Politik  der  freien  Hand  den  Enthusiasmus  Süddeutschlands,
  der  Oestreich  gegen  den  Erbfeind  helfen  wollte,
niederhielt,  seit  1866,  da  Preußen  Deutschland  zertrümmerte,  bis
zu  1870,  wo  es  einen  Krieg  einfädelte,  der  an  Barbarei  alles  bisher
Dagewesene  übertreffe“;  Pfarrer  Mahr  aus  Oberfranken  sprach  von
der  perfiden,  fluchwürdigen  Politik  Preußens,  von  dem  Abscheu,
welchen  das  Volk  gegen  den  Krieg  und  sonstige  allerhöchste  Spielereien
  hege,  und  schloß  mit  dem  Bekenntniß,  daß  er  und  seine  Genossen
  den  Verträgen  gegenüber  sagen  werden:  „Weiche  von  mir,
Satanas!“  Daß  diese  Anschauungen  nicht  die  des  Landes  waren,
bezeugten  die  täglich  einlaufenden  Telegramme  von  Gemeindever-