18 Martin Luther
für seine weltumfassenden Pläne die meisten Machtmittel gewähren
würde. Denn ein universeller Politiker war Karl, und da ihm nebst
einem nicht geringen Stücke des alten Kontinents ein neuer Weltteil
in den Schoß gefallen war, sind es Weltpläne gewesen, die der
Geist des ehrgeizigen Habsburgers umfaßte. Rasch hat er die österreichischen
Erblande, die bald darauf die schwere Pille Böhmen und
Ungarn schlucken und verdauen mußten und darob vorerst unfruchtbar
geworden sind, aus seinem unmittelbaren Bereiche ausgeschaltet
und seinem jüngeren Bruder Ferdinand anvertraut. Geld und Soldaten
waren es, die er immer wieder von den Ständen seiner verschiedenen
Länder verlangte; seine habsburgische Familienpolitik
wird zugleich Weltpolitik, als er im Kampfe um Neapel, um Mailand,
um Burgund den französischen Gegner trifft, der seit dem
letzten Jahrzehnte des fünfzehnten Jahrhunderts eine große, vornehmlich
auf Italien gerichtete Expansionspolitik treibt. Wie hätte
dieser Kaiser sich da auf ein deutsches Fürstentum beschränken, wie
vor allem von der katholischen Kirche sich lossagen können, was
ihn in Gegensatz zu seinen spanischen, seinen italienischen Untertanen
gesetzt hätte? Ahnungslos kam der Kaiser über die Alpen gezogen,
ohne Verständnis vernahm er vom Auftreten Luthers; er
hat Luther und seine Lehre benützt, wo sie seinem politischen Zwecke
dienen konnten, von der sozialen Bedeutung des Mannes und seines
Werkes hat er nie eine Ahnung gehabt. Jedenfalls durfte ihn aber
der Mönch nicht eine Minute in seinem großen Lebenswerke, ein
absoluter, universeller Herrscher zu werden, aufhalten, verachtungsvoll
ging er über sein Erscheinen zur Tagesordnung über. „Der soll
mich nicht zum Ketzer machen“, war sein wegwerfendes Urteil und
das Wormser Edikt sollte die von Luther entfachte Bewegung mit
einem Tritte zertreten. Luther wird in Reichsacht getan, er soll
aus der Reihe der Lebenden ausgelöscht werden. Überzeugt von der
Wirksamkeit dieser Verordnung, von der Endgültigkeit seines Urteils,
zog der Kaiser aus Deutschland weiter in die Niederlande.
Luther, dessen Auftreten zu Worms zuerst selbst seine Freunde enttäuscht,
der aber bald seine knorrige, widerstandslustige Männlichkeit
gefunden hatte, entwich von Worms und begab sich auf die
Wartburg, wo er ohne Wissen selbst vertrautester Freunde in tiefster
Zurückgezogenheit abwarten wollte, was die nächsten Monate bringen
würden. Es ist sicher, daß er von den berühmten Worten:
„Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir“ in Worms
nur die letzten drei gesprochen hat; diese Umänderung ist noch im