Metadata : Preußische Geschichte. Vierter Band. (4)

II.  Die  Erwerbung  des  Kaisertums.  135

Kleinstaaten  bisher  eigen  gewesen  war.  Ihrer  Bevölkerung  kam
das  anfangs  wohl  befremdlich  vor,  bald  aber  erkannte  sie  die
Vorteile,  welche  der  ihr  erst  so  unsympathische  preußische  Geist
da  mit  sich  brachte.  Gesteigerten  Einfluß  auch  auf  den  Süden
gab  diesem  die  Einbeziehung  des  nördlichen  Teils  von  Hessen-Darmstadt
  in  den  Bund  und  die  Einführung  der  preußischen
Militärverfassung  in  dem  ganzen  Großherzogtum.

Und  es  war  nicht  mehr  das  alte,  in  mancher  Hinsicht
engherzige,  im  Bewußtsein  des  von  ihm  Geleisteten  oft  selbstgenügsame
  und  daher  anderen  zuweilen  unbequeme  Preußentum,
  wie  es  die  Träger  des  sich  mühsam  emporarbeitenden
Militär=  und  Beamtenstaates  verkörpert  hatten,  das  jetzt  Norddeutschland
  organisierte  und  den  Süden  an  sich  zog,  sondern
ein  neues,  beweglicheres  und  auch  fremder  Eigenart  zugänglicheres,
  das  den  neuen  großen  Aufgaben  gegenüber  eine  überraschende
  Anpassungsfähigkeit  entwickelte.  So  vermied  es  viele
von  den  Fehlern,  die  1815  den  neuen  Provinzen  gegenüber
gemacht  worden  waren  und  deren  Verschmelzung  mit  den  alten
erschwert  hatten.  Bisher  arm  an  wirklich  staatsmännisch  veranlagten
  Beamten  sah  Preußen  jetzt  aus  der  jüngeren  Generation
  eine  überraschend  große  Anzahl  erstehen.  Die  Enttäuschungen
  der  neuen  Aera,  die  Erfahrungen  der  Koufliktszeit
und  die  großen  Erfolge  von  1866  hatten  gerade  auf  diese
Kreise  befreiend  gewirkt  und  eine  geistige  Verjüngung  des
Beamtentums  eingeleitet,  die  zu  dessen  alten  Vorzügen  eine
Reihe  glänzender  neuer  sügte.  Auch  auf  die  Armee  hatte  der
Ernst  des  Krieges  ähnlich  gewirkt:  auch  da  wurde  hinfort  neben
der  Form  der  Geist  mehr  betont  und  der  Individualität  des
Einzelnen  freiere  Bethätigung  gewährt.  Infolgedessen  fielen
die  Schranken,  die  bisher  und  namentlich  in  der  Koufliktszeit
Armee  und  Volk  getrennt  hatten,  und  das  durch  die  so  heiß
umstrittene  Reorganisation  zum  ersten  der  Welt  erhobene  Heer
wurde  trotz  der  veränderten  Stellung  der  Landwehr  eine  nationale
  Institution,  die  von  allen  mit  gleicher  Liebe  und  Begeisterung
  gehegt  wurde.

Das  alles  gestaltete  auch  die  parlamentarische  Entwickelung
der  nächsten  Jahre  im  ganzen  höchst  erfreulich.  Die  bewährte