Full text : Geschichte des Preußischen Staates

Friede  von  Utrecht.  249

Die  auswärtige  Politik  Friedrich  Wilhelms  zerfällt  in  zwei  Abschnitte,  in
deren  erstem  die  Ordnung  der  nordischen  Verhältnisse,  in  deren  zweitem  die  jülichbergische
  Erbfolge  den  springenden  Punkt  bilden.

Zuvörderst  mußte  man  auf  dem  Friedenskongreß  in  Utrecht  auf  jeden  Fall
zu  einem  Abschluß  kommen,  der  freie  Hand  gab  gegen  die  nordischen  Gefahren.
Denn  eben  jetzt  erklärte  die  Pforte  dem  Zaren  den  Krieg,  und  war  die  Rückkehr
Karls  XII.  und  damit  eine  neue  Gestaltung  der  nordischen  Dinge  vorauszusehen.
Oder  wenn  diese  Rückkehr  nicht  erfolgte,  so  wurde  die  nordische  Frage  von  den
Dänen,  den  Polen  und  den  Russen,  die  in  Tönningen  die  Schweden  eingeschlossen
hielten,  gewiß  ohne  Rücksicht  auf  Preußen  gelöst.  Mit  allen  Mitteln  der  Intrigue
und  des  Hinterhaltes  suchten  Holland  und  der  Kaiser,  dieser  in  vollstem  Widerspruch
  mit  dem  Vertrage  von  1700,  den  Uebergang  oranischer  Erbschaftsstücke  an
Preußen  zu  verhindern,  aber  schließlich  mußten  sie,  nachdem  Friedrich  Wilhelm
den  englischen  Gesandten  durch  50000  Thaler  gewonnen,  das  sogenannte  Oberquartier
  von  Geldern,  ein  kleines,  unmittelbar  an  Cleve  und  Mörs  sich  anschließendes
  Ländchen,  an  Preußen  zugestehen.  Alles  lebte  in  froher  Hoffnung,
endlich  im  Westen  die  Ruhe  hergestellt  zu  sehen.  England,  Frankreich,  Holland,
Preußen,  auch  Savoyen  und  Portugal  unterzeichneten  am  11.  April  1713  zu  mis
Utrecht  den  Frieden,  aber  der  Kaiser  weigerte  sich,  ihm  zuzustimmen,  da  er  von
der  spanischen  Erbschaft  Norditalien  abtreten  sollte,  obgleich  er  damals  infolge  des
russisch-türkischen  Krieges  im  Osten  keine  Verwickelungen  zu  befürchten  hatte.  Wie
auch  hätte  man  sich  auf  der  Hofburg  darum  grämen  sollen,  daß  eben  in  Zusammenhang
  damit  die  nordische  Frage  für  Deutschland  neue  Gefahren  heraufführte,  daß
vor  allen  Dingen  Preußen  seine  Machtmittel  bereit  halten  mußte,  hier  deutsches
Recht  so  gut  wie  das  eigene  Dasein  zu  verteidigen!  Mit  Leidenschaft  vielmehr
und  durch  Winkelzüge  aller  Art  wurde  im  Reich  die  Fortsetzung  des  Krieges  betrieben,
  und  ohne  Rücksicht  auf  die  Reichsverfassung  glaubte  man,  über  die
Truppen  der  deutschen  Fürsten,  insbesondere  die  preußischen,  verfügen  zu  können.
Ueberall  pries  der  Kaiser  die  gewaltige  Rüstung,  in  welcher  er  Frankreich  entgegentreten
  werde.  Aber  von  den  vier  Millionen,  die  er  hierfür  verlangt  hatte,
waren  im  Juni  noch  nicht  5000  Gulden  eingegangen,  die  verfügbare  Truppenzahl
  war  unverhältnismäßig  gering,  und  namentlich  hatte  Friedrich  Wilhelm  die
Unmöglichkeit,  mehr  als  sein  Reichskontingent  zu  stellen,  hinlänglich  betont.

Denn  allerdings  war  es  ihm  anders  nicht  möglich.  Hatten  die  nordischen
Bundesgenossen  die  Abwesenheit  Karls  benutzt,  um  in  Pommern  einzufallen,  durch
die  Mark  zu  marschieren,  und  die  Schweden  in  Stettin  und  Tönningen  zu  belagern,
  selbst  die  Umschließung  Hamburgs  zu  beginnen,  so  hatten  sie  dies  nur
thun  können,  in  der  Gewißheit,  daß  Preußen  nichts  dagegen  unternehmen  werde.
Die  Abwesenheit  Karls  aber  hatte  zugleich  die  abenteuerlich  gesonnenen  Räte  des
Herzogs  von  Holstein-Gottorp,  Görtz  und  Bassewib,  die  Absicht  fassen  lassen,  im
Namen  ihres  Herrn  in  weitausgreifende  Verhandlungen  mit  allen  beteiligten
Mächten  zu  treten.  Sie  wollten  einen  Frieden  herstellen,  der  den  Herzog  zum
König  von  Schweden  machen  und  Holstein,  das  Dänemark  für  sich  in  Anspruch
nahm,  mit  Schweden  vereinigen  sollte.  Aber  alle  diese  Pläue,  alle  Pläne  der
Russen  auf  die  Küsten  der  Ostsee,  der  Sachsen  auf  Pommern,  der  Dänen  auf
Schleswig-Holstein,  Hamburg  und  die  Elbmündung  mußten  eine  andere  Gestalt
erhalten,  wenn  Preußen  eingriff.  Und  konnte  man  von  diesem  jungen  König,