Die Reichsgetreidestelle. 279
dem wichtigsten Volksnahrungsmittel, dem Brotgetreide, hinlängliche
Sicherheit schaffen zu können, wenn die als G. m. b. H. begründete Kriege-Getreidegesellschaft
während des Winters etwa 2 Millionen Tonnen
Getreide im ganzen Lande aufkaufte und bis zum Mai lls aufspeicherte,
um dann durch die Verteilung dieses Vorrates das Durchhalten bis zur
neuen Ernte zu gewährleisten. Daß eine solche Maßregel aber keineswegs
auereichend sein konnte, wurde zu Beginn des Jahres 1915 erkannt.
Die Bewirtschaftung des Brotgetreides wurde nunmehr einem besonderen
Reichskommissar, Exzellenz Michaelis, übertragen. Aus dem Reichskommissariat
für die Getreidebewirtschaftung und der Kriegsgetreide--gesellschaft
entwickelte sich dann im Laufe des Jahres lols die Reichsgetreidestelle.
Der Zentralisierung der Getreidebewirtschaftung durch die
Reichsgetreidestelle ging gleichzeitig eine Dezentralisierung der Selbstwirtschaft
in den Kommunalverbänden parallel, und zwar in der Weise,
daß die Reichegetreidestelle vornehmlich die Sorge für jene großen Kommunalverbände
zu tragen hatte, die ganz auf Getreidezufuhr angewiesen
sind, während die übrigen Kommunen nach dem Grundsatz der Seldbstbewirtschaftung
arbeiteten.
Eine vollkommene Zentralisation, wie sie theoretisch zunächst vielfach
angestrebt wurde, hätte schon wegen der Transportschwierigkeiten praktisch
gar nicht durchgeführt werden können. Sie hätte das bureaukratische
System auch bis zum ÜUbermaß gesteigert und alle Schattenseiten der
Kriegszwangswirtschaft in stärkstem Maße zutage treten lassen. Das
Prinzip der Dezentralisation drang mit dem Grundsatz durch, daß
die Beschlagnahme des Getreides zugunsten der Kommunalverbände
erfolgte. Die Beschlagnahme trat mit dem Augenblick in Kraft, wo die
Früchte vom Boden getrennt wurden. Von diesem Augenblicke an hatte
der Kommunalverband die Verfügung über das Getreide, d. h. der Grundbesitzer
konnte nur noch mit Genehmigung des Kommunalverbandes
Veränderungen rechtlicher oder räumlicher Art, also Verkauf und Transport
des Getreides, vornehmen. Der Kommunalverband seinerseits war
der Reichsgetreidestelle gegenüber zur Ablieferung der Überschüsse über
den einheitlich festgesetzten Kopfbedarf hinaus verantwortlich. Die Selbstwirtschaft
der Kommunalverbände enthielt darin Befugnis, bis zur Höhe
ihres von der Reichsgetreidestelle errechneten Bedarfs an Brot und Mehl
mit dem in ihrem Bezirk selbst gewachsenen Brotgetreide zu wirtschaften,
also Einkauf, Verarbeitung und Verteilung selbst zu leiten. Damit war
der Kommunalverband seinerseits verpflichtet, für die rechtzeitige Versorgung
der ihm angehörenden Bevölkerung mit Brot und Mehl aufzukommen.
Der Kommunalverband war seinerseite auch verpflichtet zur
restlosen Erfassung der Bestände und zur Abgabe der Uberschüsse. Aus