Full text : Bavaria. Landes und Volkskunde des Königreiches Bayern.

Abriß  der  Ortsgeschichte.  991

Raths)  durch  einen  Ausschuß  von  zwölf  Zünftlern  und  zur  Berathung  über
die  neue  Verfassungsform.  Man  schickte  Abgesandte  nach  Ulm,  Speier,
Mainz,  Worms,  Constanz,  Basel  und  Straßburg,  um  die  dortigen  Verfassungszustände
  kennen  zu  lernen  und  ließ  sich  durch  ihre  Berichte  belehren,
daß  nirgends  die  Zünfte  ausschließlich  herrschen,  sondern  mit  dem  Stadtadel
  die  Herrschaft  theilen.  So  kam  zwischen  den  Geschlechtern,  deren  damals
  51  waren,  und  den  17  Zünften  ein  Vergleich  zu  Stande.  Die  letztern
sollten,  einen  Bürgermeister  mit  eingeschlossen,  durch  30  Mitglieder  aus  ihrer
Mitte  vertreten  sein  und  die  bisher  den  Geschlechtern  zugestandenen  24  Mitglieder
  auf  die  Zahl  von  15,  ebenfalls  einen  Bürgermeister  mit  inbegriffen,
beschränkt  werden.  Alle  Jahre  solle  die  Hälfte  der  Rathsmitglieder  abtreten,
und  jeder  Ausgeiretene  zwei  Jahre  lang  nicht  mehr  wählbar  sein.  Stadt-Schlüssel,
  Stadtbuch,  Siegel  und  Freiheitsbriefe  wurden  den  Zünften  zur
Bewahrung  übergeben,  das  Ansinnen  aber,  daß  die  Geschlechter  sich  den  Zünften
  einverleiben,  somit  auf  ihren  bevorzugten  Stand  völlig  Verzicht  leisten
sollen,  ward  zurückgewiesen  Nur  einige  Geschlechter  wurden  zünftig,  mehrere
andere  wandten  der  Stadt  überhaupt  den  Rücken  und  zählten  von  nun  an  zu
ihren  Feinden.

Die  neue  Verfassung,  welcher  Kaiser  Carl  IV.  nur  widerstrebend  seine
Bestätigung  ertheilte,  hatte  denn  wieder  manche  Fehden  nach  Außen  zur  Folge,
wobei  Gefangene  vom  Adel  mit  dem  Leben  büßten.  Auch  mit  dem  Grafen
Eberhard  von  Württemberg  und  mit  den  bayerischen  Herzogen,  die  von  Conrad
von  Freyberg  aus  Rache  für  eingeäscherte  Dörfer  mittels  Hinterbringung  erdichteter
  Beleidigungen  gegen  die  Stadt  gereizt  wurden,  gab  es  blutige  Kämpfe.
Viele  Dörfer  dies=  und  jenseits  des  Lech  gingen  in  Flammen  auf  und  Augsburg
  selbst,  dessen  Vorstädte  zum  Theil  nur  mit  hohen  Zäunen  umgeben
waren,  wäre  1372  von  den  Bayern  vielleicht  genommen  worden,  wenn  nicht
zwanzig  Donnerbüchsen  —  eine  ganz  neue  Erscheinung  in  der  Kriegskunst  —
sie  genöthigt  hätlen,  die  Belagerung  aufzuheben.  Diese  Donnerbüchsen  waren
in  Augsburg  gegossen  worden.  Es  sell  aber  auch  die  Erfindung  des  Pulvers
von  hier  ausgegangen  sein.  Nach  einem  Chronisten  des  16.  Jahrhunderts
(Cl.  Jäger)  wäre  ein  Augsburger  Jude  mit  Namen  Typsiles  der  Erfinder
(1353).  Und  ein  Berthold  Schwarz  (freilich  nicht  Constantin  Anklitz,  wie
dieser  „Schwarz“  eigentlich  geheißen  haben  soll)  war  nach  städtischen  Urkunden

 

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1)  Die  ältere  historische  Entwicklung  der  Gemeindeverfassung  ist  im  Einzelnen  nicht
mehr  nachzuweisen.  Sie  scheint  römische  Elemente  mit  deutschen  Gewohnheiten
vermischt  zu  haben.  Die  zwei  Stadtpfleger,  welche  mit  zwölf  Rathsherren  (Rathgebern)
  aus  der  Reihe  der  Geschlechter  den  kleinen  (gesetzgebenden)  Rath  bildeten,
erinnern  an  die  römischen  Duumviren.  Dieser  oberste  Rath  wurde  alljährlich  aus
der  Reihe  der  Vierundzwanzig  gewählt,  welche  mit  zwei  Bürgermeistern  den  großen
  Rath  bildeten.