Full text : Deutsches Kolonialblatt. XXIV. Jahrgang, 1913. (24)

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ahnen  konnten,  das  sie  aber  selbst  nicht  in  dem  Umfange
besassen.  Lückenlos  und  überzeugend,  was  die  eigene
Politik  betrifft,  bedürfen  das  Weiss-  und  das  Rotbuch  tatsächlich
  der  Ergänzung  durch  Orange-,  Gelb-,  Blaubuch  usw.,
sobald  die  Frage  der  Kriegsschuld  der  Dreiverbandsstaaten  gilt.

Was  lehrt  nun  die  Gesamtheit  der  also  beschaffenen
Aktensammlungen  über  Schuld  und  VerantwortungamKriege?
Das  ist  die  zweite  Frage,  auf  die  das  Studium  der  sieben
Bücher  Antwort  erteilen  musste.

Was  tat  jede  der  Regierungen  für  die  Aufrechterhaltung
desFriedens,diejaallealsdasZielihrer  Tätigkeitbezeichneten?

Was  tat  zunächst  Serbien,  um  den  Krieg  mit  Oesterreich-Ungarn
  zu  vermeiden?  Es  tat  nichts,  um  Oesterreich-Ungarn
  nach  der  Tat  von  Serajewo  zu  beruhigen.  Es  tat
alles,  um  einen  Krieg  mit  Oesterreich-Ungarn  zu  vermeiden,
in  dem  es  allein  gegen  den  mächtigen  Gegner  gestanden
hätte.  Es  tat  nichts,  um  einen  Krieg  zu  vermeiden,  in  dem  es
den  Dreiverband,  in  erster  Linie  Russland,  auf  seiner  Seite
hatte,  sondern  wirkte  sogleich  nach  dem  Attentat  in  Öösterreichischfeindlichem
  Sinne.  Es  lehnte  die  österreichischungarischen
  Forderungen  nicht  glatt  ab,  weil  dann  ein
Eingreifen  des  Dreiverbandes  schwer  möglich  gewesen  wäre.
Es  zeigte  in  der  Form  Entgegenkommen,  aber  dem  Inhalt
nach  schärfste  Widerspenstigkeit.')  Es  nahm  genau  die  Haltung
  ein,  die  Russland,  Frankreich  und  England  brauchten,
um  der  öffentlichen  Meinung  ein  nachgiebiges  Serbien  vorzumalen
  und  um  über  die  scheussliche  Mordtat  von  Serajewo
hinweggleiten  zu  können.

Belgiens  Haltung  geht  nicht  minder  klar  aus  den  Akten
hervor.  Es  hätte  den  Krieg  mit  Deutschland  vermeiden
können,  wenn  es  der  deutschen  Forderung,  den  Durchmarsch
zu  gestatten,  nachgekommen  wäre.  Dazu  konnte  Belgien
sich  nicht  verstehen.  Es  wünschte  jedoch,  dass  die  ganze
Frage  ausgeschaltet  würde  durch  eine  diplomatische  Intervention
  Englands.’)  England  kam  dieser  Bitte  nicht  nach,

')  Serb.  Bib.  Nr.  2,  5,  8,  13,  15,  37,  Rb.  Nr.  2,
?)  Grb.  Nr.  24,  25,  Gib.  Nr.  142,  Bib.  Nr.  151,