Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. Mai 17 —23.) 81
Kochen, siede Waschfrau am Waschen, jede anderweitige Industrie verhindert
wird.
Ich berühre das nur beiläufig, anknüpfend an die westpreußischen
Wasserkräfte, welche tot da liegen. Eine Abhilfe ist da aber erst in zehn
bis zwanzig Jahren möglich; wir müssen an eine schnellere denken. Da
komme ich nun auf die pekuniäre Frage für die Landwirtschaft selbst.
Der Herr Abgeordnete hat gesagt: die Unfallsinvaliden sind durch
das Unfallversicherungsgesetz geschützt, Berufsinvaliden gibt es auf dem Lande
nicht. Das ist entschieden nicht richtig. Ich möchte sagen, der Herr hat
noch nicht lange genug auf dem Lande gelebt, um die Dinge kennen zu lernen.
Er sagt: Erst durch dieses Gesetz werden die Invaliden hier gezüchtet
werden. Und an einer anderen Stelle: Eine Entlastung bezüglich der Armenpflege
tritt nicht ein, weil diese nicht die alten Leute, sondern die Witwen
und Waisen betrifft. Ja, was macht man in Westpreußen mit den
Alten? Die Sikuler schlugen sie tot; aber in unserem christlichen und
civilifierten Zeitalter ist das doch nicht möglich. Ein alter Mann, der nicht
arbeiten kann, muß doch irgendwie leben und durchgefüttert werden, wenn
überhaupt von einem patriarchalischen Verhältnisse die Rede ist. Meine Erfahrungen
gründen sich allerdings in der Hauptsache auf Pommern und
nicht auf Westpreußen. Es wird dieses ganze Gesetz kaum etwas anderes
als eine Entlastung sowohl des Gutsbezirks als des Gutsbesitzers involvieren.
(Sehr richtig! rechts.) Das, was auf anständigen Gütern ohnehin schon
geschieht, will der Staat übernehmen; die strenge gesetzliche Verpflichtung
beschränkte sich bisher auf die Armenpflege, darauf, daß der Mann unter
Dach kommt und mit trockenem Brot gefüttert wird. Aber darüber hinaus
ist auf allen unseren pommerschen Gütern, die ich kenne, doch ganz sicher
dafür gesorgt, daß niemand Not leidet. In den Gemeinden ist es mitunter
anders; aber ich kann auch da den guten pommerschen Bauer nicht anklagen.
Die Bauersfrau sagt: der Mann soll nicht sagen, daß er bei uns nicht besser
als bei Schröder gegessen hat; und wenn die Reihe herum gefüttert wird,
wie das bei den Armen üblich ist, nähren sie ihn gut; die Leute sind meist
feist und wohlgenährt. Das wird den Gemeinden zum Teil abgenommen
durch das Gesetz.
Daß keine Invaliden auf dem Lande entstünden — ja, der Herr muß
nie Kranke gesehen haben; die meisten Invaliden entstehen nicht durch Unfall,
sondern durch Siechtum, irgend eine Art Schwindsucht, durch Erkältung,
durch ein angestammtes Uebel, sodaß ein Mensch von seinem 30. oder
50. Jahre schon der Verpflegung anheimfällt. Ich muß hier nach meiner
sehr viel längeren Erfahrung ein bestimmtes Zeugnis gegen diese Ausführungen
des Herrn Abgeordneten Holtz ablegen. Wir haben diese Invaliden
auf dem Lande, und wir versorgen sie bisher vielleicht reichlicher, als sie
hiernach versorgt werden. Ich spreche nicht von mir, — ich bin wohlhabend
genug, daß mir das nicht zur Last fallen kann; aber bei allen meinen Nachbarn
habe ich noch nie gefunden, daß ein alter Mann auf dem Bettel geht;
das wäre eine Schande für den Besitzer und für das Gut, von dem er kommt.
Daß, wie dies in großen Städten geschieht, jemand aus Nahrungssorgen
zum Selbstmorde schreitet, ist, glaube ich, auf dem Lande ganz unerhört.
Die Ueberlastung über unsere gesegliche Verpflichtung wird uns zum großen
Teile durch das Gesetz abgenommen. Ich verlange es nicht deshalb, ich verlange
es in erster als eine Quittung für unsere Bereitwilligkeit, das im
ganzen Lande gebilligte Programm der Kaiserlichen Botschaft auszuführen,
und für unsere Bereitwilligkeit, den Hilflosen und Notleidenden unserer Mitmenschen
entgegenzukommen.
Wenn ich heute noch einmal das Wort ergriffen habe, so war es
Europ. Geschichtskalender. Bd. XXX 6