Contents : Die wichtigsten deutschen Seehandelsstädte.

I.  Einleitung.

Wo  auch  immer  des  Menschen  Fuß  den  festen  Erdboden  betritt,
läßt  er  auf  demselben  seine  Spuren  zurück.  Je  öfter  eine  Stelle  Menschen
  getragen  hat,  je  größer  die  Zahl  derselben  gewesen  ist  und  je
länger  dieselben  auf  ihr  weilten,  desto  bemerkbarer  und  nachhaltiger
werden  diese  Spuren  sein.  So  können  wir  uns  eine  aufsteigende  Reihe
solcher  Eindrücke  denken,  in  der  die  Wagengleise,  die  ein  Ansiedlerkarren
  in  der  jungfräulichen  Erde  zieht  und  die  der  nächste  Regen
wieder  verwischt,  oder  der  schmale  Pfad,  den  sich  eine  Expedition  mit
Axt  und  Buschmesser  durch  einen  Urwald  bahnt,  und  den  die  Vegetation
  bald  wieder  schließt,  oder  die  Brandstätte  eines  Indianerlagers
die  ersten  Stufen  darstell&en  und  die  sich  fortsetzt  durch  das  bald  wieder
abgebrochene  Zeltdorf  des  Nomaden,  durch  die  nur  im  Sommer  bewohnte
  Alphütte,  durch  die  zerstreut  liegenden  Bauernhöfe,  durch  die
Dörfchen  und  Dörfer,  Städtchen  und  Städte  bis  hinauf  zu  den  Kolossen
unserer  modernen  Großstädte,  in  denen  wir  das  augenblickliche  Maximum
  der  Bodenbeeinflussung  durch  den  Menschen  ausgedrückt  sehen.
Als  die  letzten  Stufen  der  angedeuteten  Reihe  sind  die  Städte  von  besonderem
  anthropogeographischen  Interesse,  und  es  ist  eine  wesentliche
Aufgabe  jeder  Länderkunde,  diese  Gebilde  nach  ihrer  Lage,  ihrer  Größe
und  Gestalt,  ihrem  Bauplan,  ihrer  Bauweise,  ihren  wirtschaftlichen
Funktionen  und  ihren  übrigen  Eigentümlichkeiten  zu  beschreiben  und
zu  erklären.

Die  über  den  Gegenstand  vorhandene  Litteratur  läßt  sich  im
allgemeinen  in  zwei  große  Gruppen  teilen.  Zur  ersten  gehören  solche
Arbeiten,  die  nur  eine  einzelne  Stadt  beschreiben,  Monographieen,  wie
wir  sie  ja  von  jeder  bedeutenderen  Stadt  besitzen.  Diese  haben  den
Vorzug,  daß  sie  auf  Einzelheiten  eingehen  und  auf  alle  Faktoren
Rücksicht  nehmen,  die  die  Entwicklung  und  das  Aussehen  der  betreffenden
  Stadt  bedingen.  Freilich  haben  diese  Einzelbeschreibungen
meist  mehr  den  Charakter  historischer  als  den  geographischer  Arbeiten.
Erst  aus  der  neuesten  Zeit  besitzen  wir  Stadtmonographieen,  die  das
Hauptgewicht  auf  das  geographische  Moment  legen,  wie  die  Arbeiten
von  Buchenau  !)  über  Bremen  oder  von  Hassert?)  über  Leipzig.

Die  Arbeiten  der  zweiten  Gruppe  fassen  immer  eine  Anzahl  von
Städten  zusammen,  behandeln  dieselben  aber  nur  unter  einem  oder
wenigen  Gesichtspunkten.  Zahlreich  sind  vor  allem  die  Abhandlungen,

1)  Buchenau,  Die  Freie  und  Hansestadt  Bremen  und  ihr  Gebiet.  Bremen  1900.
2)  Kurt  Hassert,  Die  geographische  Lage  und  Entwicklung  Leipzigs.