Full text : Blätter für Rechtsanwendung. LXXII. Band. (72)

Der  civilrechtliche  Inhalt  des  64.  Bandes  der  Reichsgerichtsentscheidung  861

auch  auf  dem  Wege  der  Aufrechnung  wählen  und  sich  auf  diese  Weise  befreien
könne.  Geschuldet  wird  ja  ein  aliud.  Die  Aufrechnungsbefugnis  hätte  dem
Schuldner  wie  z.  B.  in  den  ös  268  Abs.  2,  1142  Abs.  2,  1224  besonders  erteilt
sein  müssen,  nach  §  387  ist  sie  ihm  versagt

7.  In  dauernder  Rechtsprechung  nimmt  das  Reichsgericht  an,  daß  die
sogenannte  kumulative  Schuldübernahme  m  Zweifel  und  regelmäßig  Bürgschaftscharakter
  habe  und  deshalb  zu  ihrer  Gültigkeit  der  Schriftform  bedürfe.
Ausnahmsweise  können  aber  besondere  Umstände  ergeben,  daß  es  an  dem  Willen
fehle,  für  eine  fremde  Schuld  aufzukommen;  dann  werde  eine  selbständige  Verbindlichkeit
  nach  §  421,  ein  gewöhnliches  Gesamtschuldverhältnis,  das  eine  Verbürgung
  nicht  enthalte,  begründet.  So  mit  RGer.  Bd.  51  S.  122,  Bd.  59  S.  233,
Bd.  60  S.  263  Nr.  79  S.  318.

8.  Für  den  Begriff  der  Annahme  im  Sinne  des  §  464  ist  es,  wie  Nr.  58
S.  236  darlegt,  ebensowenig  wie  im  Falle  des  §  341  Abs.  3  (RGer.  Bd  57  S.
338  und  im  Falle  des  §  363  (RGer.  Bd.  59  S.  380)  erforderlich,  daß  der  Empfänger
  die  Erfüllung  als  eine  tadellose  angenommen  hat;  vielmehr  genügt  es,
wenn  der  Gläubiger  die  als  Leistung  aus  dem  Vertrage  angebotene  Leistung
körperlich  hinnimmt  und  dabei,  sei  es  ausdrücklich,  sei  es  stillschweigend  durch
sein  Verhalten  bei  und  nach  der  Hinnahme,  zu  erkennen  gibt,  daß  er  die  Leistung
als  eine  der  Hauptsache  nach  dem  Vertrage  entsprechende  Erfüllung  anerkenne.

In  derselben  Entscheidung  wird  die  Auffassung  abgelehnt,  daß  die  Vorschrift
  des  §  377  HGB.  die  Anwendung  des  inhaltlich  verschiedenen  §  464  habe
ausschließen  oder,  namentlich  was  die  Frage  betrifft,  ob  in  Handlungen  oder
Unterlassungen  eine  Annahme  zu  finden  sei,  habe  modifizieren  wollen  und  sollen.
Durch  die  sich  hieraus  ergebende  grundsätzliche  Gleichheit  der  Anwendung
des  §5  464  auf  handelsrechtliche  und  nicht  handelsrechtliche  Käufe  werde  aber  nicht
ausgeschlossen,  daß  im  übrigen  für  die  ersteren  auch  der  das  ganze  Gebiet  des
Handelsrecht  beherrschende  Grundsatz  des  §  346  HGB.  maßgebend  sei.  Indessen
  rechtfertige  diese  Vorschrift  es  nicht,  in  je  der  der  Bestimmung  des  §  377
Abs.  1  a.  a.  O.  entsprechenden  Mängelanzeige  des  Käufers  zugleich  einen  nach
5  464  genügenden  Vorbehalt  seiner  Rechte  wegen  des  Mangels  zu  erblicken.

9.  Der  Mieter  kann,  wie  in  Nr.  93  S.  381  überzeugend  dargetan  ist,  trotz
fristloser  Aufkündigung  des  Mietverhältnisses  gemäß  §  542  Schadensersatzansprüche
  auf  Grund  des  §s  538  auch  dann  mit  Erfolg  geltend  machen,  wenn  zwar
die  sie  begründenden  Ereignisse  im  Sinne  des  §  538  in  die  Zeit  des  bestehenden
Mietvertrags  fallen,  die  den  Betrag  und  Umfang  des  Schadens  bestimmenden
Tatsachen  aber  erst  in  der  Zeit  nach  der  durch  die  Kündigung  herbeigeführten
Endigung  des  Mietverhältnisses  hervortreten.  Die  Kündigung  beseitigt  ja  im
Gegensatze  zum  Rücktritt,  der  die  Wirkungen  des  Vertrags  rückwärts  (ex  tunc)
aufhebt,  das  Mietverhältnis  nur  für  die  Folgezeit  (RGer.  Bd.  52  S.  5)0.

10.  Das  Reichsgericht  räumt  (Nr.  74  S.  296)  in  Uebereinstimmung  mit
dem  früheren  Preußischen  Obertribunal  (St  A.  Bd.  24  S.  18)  dem  Mieter  die
Kündigungsbefugnis  aus  §  549  auch  dann  ein,  wenn  der  Vertrag  die  Aftermiete
von  der  Erlaubnis  des  Vermieters  abhängig  macht,  über  das  Kündigungsrecht
bei  Verweigerung  der  Zustimmung  aber  nichts  bestimmt.  M.  E.  gibt  solcher
Vertragsinhalt  die  abweichende  Absicht  der  Vertragsteile  kund.  *ê12„

11.  Darüber  kann  wohl  kein  Zweifel  bestehen,  daß  die  Vorschrift  in  §  565
Abs.  1  Satz  2,  welche  die  Bemessung  der  Mietzinsen  nach  Monaten  voraussetzt,
  keine  Anwendung  findet,  wenn  der  Mietzins  auf  1  Jahr  bemessen,  aber

6)  Vgl.  Bendix  a.  a.  O.  S.  338.