Auswärtige Politik Friedrich Wilhelm's III. 161
collegien bei dem Drange der Geschäfte nicht selten zu Schulden kommen
lassen, und sie sind durch Eigenthum und Anhänglichkeit an das Vaterland
fest an das Interesse eines Landes gekettet, das den fremden öffentlichen
Beamten gewöhnlich unbekannt, oft gleichgiltig und bisweilen selbst
verächtlich und verhaßt wird. Die Regenten haben von Ständen, die
aus Eigenthümern bestehen, nichts zu fürchten, mehr von der Neuerungssucht
jüngerer, der Lauigkeit und dem Miethlingsgeiste älterer öffentlicher
Beamten und von der alle Sittlichkeit verschlingenden Weichlichkeit und
dem Egoismus, der alle Stände ergreift.“ Dem Könige blieben solche
Gedanken noch ganz unverständlich. Er ließ sich zwar nicht zu so gehässigen
Urtheilen über die Revolution hinreißen, wie die übereifrigen Royalisten
an seinem Hofe, sondern erkannte die Berechtigung der französischen Bauernbefreiung
unbefangen an; aber was irgend an die constitutionelle Monarchie
erinnerte war ihm durch die Blutthaten der Franzosen verdächtig und
unheimlich geworden. Wie sollte er auch bei der allgemeinen Zufriedenheit
des Volkes auf die Frage kommen, ob dieser pflichtgetreue Absolu--tismus,
der den Staat gebildet hatte, sich schon überlebt habe? Auch Stein
selber wußte noch keineswegs, wie morsch die alte Ordnung sei und wie
dringend geboten der Neubau. Es steht nicht anders, Hoch und Niedrig
lebte befangen in einer ungeheuren Selbsttäuschung. Das historische
Urtheil vermag nicht abzusehen, wie die Demüthigung von 1806 der alten
Monarchie hätte erspart werden sollen. Nur die durchschlagende Beweiskraft
des Krieges konnte dem verblendeten Geschlechte den inneren Verfall
jener fridericianischen Formen zeigen, welche durch den Zauber alten
Ruhmes alle Thatkraft lähmten. Nur eine Niederlage konnte die unnatürliche
Episode der deutschen Herrschaft in Warschau beendigen, den
Staat sich selber und seinem deutschen Wesen zurückgeben. —
Für keine seiner königlichen Pflichten war Friedrich Wilhelm von
Haus aus so wenig vorbereitet wie für die Leitung der auswärtigen Politit;
langsam, bedächtig wie er war hat er einer sehr schweren Schule
bedurft bis sein weiches Gemüth sich an die Härte der großen politischen
Machtfragen gewöhnte. Neigung und Pflichtgefühl stimmten ihn friedlich.
Er hätte es für einen Frevel gehalten, dies emsig arbeitende Norddeutschland,
dessen ruhiges Glück von Jedermann, selbst von Friedrich Gentz,
gepriesen wurde, ohne dringende Noth den Wechselfällen des Krieges, den
verschuldeten Staatshaushalt neuen Verwirrungen preiszugeben; nur zur
Abwehr eines unmittelbaren Angriffs wollte er sein Schwert ziehen. Die
allgemeine Friedensseligkeit der Norddeutschen fand nirgends eifrigere Vertreter
als am preußischen Hofe; sie hatte sich hier sogar einc eigene staatsrechtliche
Doctrin erklügelt. „Ein König," sagte Oberst Köckritz zu seinem
fürstlichen Freunde, „hat gar nicht das Recht das Dasein seines Staates
auf's Spiel zu setzen, das darf nur eine Republik.“ Ueber Frankreichs
gefährliche Absichten täuschte sich der gesunde Sinn des Königs nicht.
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. I. 11