Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Erster Teil. Bis zum zweiten Pariser Frieden. (24)

162  I.  2.  Revolution  und  Fremdherrschaft.
Sein  Vater  war  dem  alten  Widerwillen  gegen  die  Republik  immer  treu
geblieben,  hatte  noch  als  sterbender  Mann  das  Anerbieten  eines  französischen
  Bündnisses  zurückgewiesen  und  sich  nicht  beirren  lassen,  als
Caillard  ihm  die  Erwerbung  der  deutschen  Kaiserkrone  in  Aussicht  stellte.
Auch  Graf  Haugwitz  war  jetzt  voll  Mißtrauens  gegen  die  Pariser  Machthaber.
  So  blieb  das  Verhältniß  zwischen  den  beiden  Mächten  sehr  kühl,
und  der  junge  König  gestand  zuweilen:  er  wolle  die  Kräfte  seines  Staates
sammeln  und  aufsparen  für  den  Augenblick,  da  vielleicht  einmal  ein  entscheidender
  Kampf  mit  dieser  räuberischen  Macht  nothwendig  würde.  Vermuthlich
  wußte  er  selbst  nicht  recht,  ob  er  solche  Aeußerungen  ernstlich
meinte  oder  nur  nach  einem  Vorwande  für  seine  Friedfertigkeit  suchte.  Als
guter  Deutscher  wünschte  er  die  Befriedung  des  gesammten  Reichs  und  die
Wiederherstellung  der  alten  Grenzen;  den  Franzosen  gönnte  er  weder  das
durch  seine  Truppen  eroberte  Mainz  noch  seine  niederrheinischen  Erblande.

Der  Fürst,  unter  dessen  Herrschaft  die  größten  Gebietsveränderungen
der  preußischen  Geschichte  erfolgen  sollten,  verabscheute  von  jeher  das  Verhandeln
  von  Land  und  Leuten;  selbst  kleine  Grenzberichtigungen  waren
seiner  Gewissenhaftigkeit  widerwärtig.  Zu  der  Abtretung  von  Cleve  und
Geldern  hat  er  sich  schließlich  nur  darum  verstanden,  weil  diese  vorläufig
von  den  Franzosen  besetzten  Lande  ihm  persönlich  noch  nicht  gehuldigt
hatten.  Denn  noch  wurde  das  Verhältniß  zwischen  Fürst  und  Unterthan
überall  in  Deutschland  als  eine  persönliche  Verpflichtung  angesehen;  sobald
  ein  Herrscher  starb,  schloß  man  eiligst  die  Thore  der  Städte  und
vereidigte  die  Truppen  sofort  für  den  neuen  Herrn.  Die  romantische
Verehrung,  welche  sein  Vater  für  die  altehrwürdigen  Formen  der  Reichsverfassung
  gehegt,  beirrte  den  nüchternen  Kopf  des  Sohnes  nicht;  er  erkannte
  den  unaufhaltsamen  Zerfall  des  Reichs  und  empfand  als  ein  treuer
Protestant  wenig  Mitleid  mit  dem  Jammer  der  geistlichen  Staaten.
Aber  da  er  über  die  Möglichkeit  der  Reichsreform  noch  nicht  ernstlich
nachgedacht  hatte,  so  wäre  die  einfache  Wiederherstellung  der  alten  Besitzverhältnisse
  in  Deutschland  seinem  Rechtsgefühle  und  seiner  Friedensliebe
das  Willkommenste  gewesen.  Gelang  dies  nicht,  so  wollte  er  mindestens
das  Gleichgewicht  zwischen  Oesterreich  und  Preußen  wahren,  jede  Erweiterung
  der  österreichischen  Macht  durch  eine  Vergrößerung  seines  eigenen
Staates  ausgleichen.  Ohne  Groll  gegen  die  Hofburg,  nahm  er  doch  die
bairische  Politik  seines  Großoheims  wieder  auf  und  trat  für  die  Rechte
der  Wittelsbacher  gegen  die  kaiserlichen  Eroberungspläne  ein.  Der  leitende
Gedanke  seiner  deutschen  Politik  blieb  freilich  die  Erhaltung  des  Friedens
für  den  Norden:  nur  diplomatische  Mittel  sollten  die  Machtstellung  der
Monarchie  gegen  Frankreich  wie  gegen  Oesterreich  sichern.

So,  mit  der  Gesinnung  eines  rechtschaffenen  Hausvaters  trat  der
unerfahrene  junge  Fürst  jenen  dämonischen  Mächten  entgegen,  welche
während  der  jüngsten  Monate  das  Ansehen  der  Welt  verwandelt  hatten.