Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Erster Teil. Bis zum zweiten Pariser Frieden. (24)

Einverleibung  der  Nordseeküste.  365

bon;  dann  sollte  ein  kaiserliches  Decret,  das  bereits  fertig  vorlag,  den
Völkern  der  iberischen  Halbinsel  verkünden,  daß  auch  sie  jetzt  dem  großen
Reiche  angehörten  und  ihr  Kaiser  Herr  sei  über  alle  Küsten  vom  Sunde
bis  zu  den  Dardanellen:  „Der  Dreizack  wird  sich  mit  dem  Schwerte  ver—
einen  und  Neptun  sich  mit  Mars  verbinden  zur  Errichtung  des  römischen
Reiches  unserer  Tage.  Vom  Rhein  bis  zum  atlantischen  Ocean,  von
der  Schelde  bis  zum  adriatischen  Meer  wird  es  nur  ein  Volk,  einen
Willen,  eine  Sprache  geben!“  —

So  war  die  Lage  der  Welt,  als  Hardenberg  die  Leitung  der  preußischen
  Politik  übernahm.  Wenige  Wochen  nach  seinem  Eintritt  traf  den
Monarchen  ein  erschütternder  Schlag;  Königin  Luise  starb  gebrochenen
Herzens,  sie  schwand  dahin  wie  die  Blume,  die  des  Lichts  entbehrt.  Ihre
letzten  Sorgen  noch  hatten  dem  Vaterlande  gegolten,  Hardenberg's  Rückkehr
  war  zum  guten  Theile  ihr  Werk.  Dem  Wittwer  blieb  eine  namenlose
  Wehmuth  im  Herzen  zurück;  niemals  konnte  er  der  Entschlafenen
vergessen,  niemals  hat  er  das  volle  freudige  Gefühl  der  Lebenslust  wiedergefunden.
  Das  treue  Volk  trauerte  mit  ihm.  So  viel  Raub,  Hohn  und
Schmach  hatte  man  ertragen;  und  nun  war  sie  auch  noch  hingegangen,
zu  Tode  gequält  von  dem  rohen  Sieger,  die  Holdeste  und  Edelste  der
deutschen  Frauen!  Die  alte  fromme  Ehrfurcht  der  Germanen  vor  der
Würde  des  Weibes  ward  wieder  rege;  mit  schwärmerischer  Andacht  schaute
dies  romantische  Geschlecht  zu  dem  Bilde  der  Verklärten  empor,  und  zu
all  den  zornigen  Gedanken,  die  der  preußischen  Jugend  das  Herz  bewegten,
gesellte  sich  jetzt  noch  der  Entschluß  den  Schatten  dieser  hohen  Frau  zu
rächen.  Auf  Aller  Lippen  war  das  stolze  Wort,  das  sie  einst  in  den  Tagen
der  höchsten  Noth  gesprochen:  „wir  gehen  unter  mit  Ehren,  geachtet  von
Nationen,  und  werden  ewig  Freunde  haben  weil  wir  sie  verdienen!“

Hardenberg  hatte  das  sechzigste  Lebensjahr  bereits  vollendet;  er  brachte
freilich  nicht  die  ungebrochene  Lebenskraft,  doch  den  zuversichtlichen  Muth
eines  Jünglings  mit  in  sein  schweres  Amt.  Ein  vornehmer  Herr  aus
altem  reichem  Hause,  wie  Stein,  war  er  von  diesem  durch  Charakter,
Lebensansicht,  Bildungsgang  weit  geschieden.  Die  Schwächen  des  Einen
lagen  genan  da  wo  der  Andere  seine  Stärke  zeigte,  und  nicht  zufällig
entstand  allmählich  zwischen  den  beiden  Reformern  jene  Abneigung,  die
zuerst  von  Stein  mit  leidenschaftlicher  Heftigkeit  ausgesprochen,  nachher
von  Hardenberg  etwas  gutmüthiger  erwidert  wurde.  Weniger  gründlich,
aber  vielseitiger  gebildet  als  der  Reichsritter  hatte  Hardenberg  schon  in
seinen  lockeren  Studenten=  und  Reisejahren  die  Welt  von  allen  Seiten
her  kennen  gelernt,  mit  Menschen  jeden  Schlages,  auch  mit  dem  jungen
Goethe,  munter  und  geistreich  verkehrt.  Die  Aufklärungsphilosophie  des
alten  Jahrhunderts  ergriff  ihn  weit  stärker  als  jenen  gläubigen  Urgermanen;
sein  religiöses  Gefühl  blieb  immer  schwach,  seine  Duldsamkeit  ehrlich  und
ohne  Grenzen.  Er  sah  das  Leben  an  wie  ein  lustiger,  feingebildeter  Marquis