rankreitt. (November 21. -Dezember 3.) 351
eine seltsame Ermutigung. Nur zu lange schon sei gewartet worden. Es
sei notwendig, daß man in einer Krisis wie die jetzige seine Meinung kundgebe;
die Kammern könnten kein Schweigen mehr beobachten, denn es sei
weder Politik noch Budget mehr vorhanden. Ganz Frankreich spreche von
einer Sache, und die Rednerbühne bleibe stumm. Niemand bege mehr Fürsorge
als Redner für die Republik, die Tag für Tag verunglimpft werde.
Es sei keine Regierung mehr vorhanden. (Unterbrechung.) Das Ministerium
sei außer stande, die Politik zu leiten und dem Präsidenten der Republik
an die Hand zu gehen. Das Parlament habe die Leitung der Angelegenheiten
der Rechten überlassen; die Verwaltung liege in vollständiger Unordnung;
Parquet und Polizei lägen mit einander im Kampfe, der Polizeipräfekt
werde gerichtlich verfolgt und der Justizminister habe in dem Augenblicke
abgedankt, wo sein Ministerium die ganze Regierung sei; es sei Thatsache,
daß kein Nachfolger zu finden sei. Dieser Stand der Dinge dürfe
nicht länger dauern. Die Wahrheit sei, daß eine Vorfrage zu erledigen sei.
Der Minister wolle Zeit gewinnen, aber es sei unmöglich, Frankreich länger
in diesem Zustande zu lassen.
Bei der Abstimmung wird die von Rouvier beantragte Vertagung
mit 317 (davon 148 von der Rechten) gegen 228 (davon
221 Republikaner) Stimmen verworfen. Nachdem Rouvier hierauf
erklärt hat:
Das Kabinet könne sich über die Tragweite dieser Abstimmung nicht
täuschen, es werde unverzüglich zurücktreten; die Kammer möge entscheiden,
ob sie der Interpellation sofort Folge geben oder warten wolle, bis andere
Minister vorhanden seien —
zieht Clémenceau seine Interpellation zurück, denn er wolle kein abwesendes
Ministerium interpellieren.
Der Ausgang der Abstimmung erweckt allgemeine Ueberraschung.
21. November. (Verfassungsänderung.) Kammer: Jolibois
(Bonapartist) stellt den Antrag: den Wahrspruch des souveränen
Volkes anzurufen und ein Staatsoberhaupt durch das Volk
selbst wählen zu lassen, und verlangt die Dringlichkeit; derselbe wird
mit 381 gegen 173 Stimmen verworfen.
Hierauf verlangt Michelin (äußerste Linke) Dringlichkeit für
seinen schon vor dem von Jolibois eingebrachten Antrag gleichfalls
auf Verfassungsänderung. Dieser Antrag wird mit 369 gegen 191
Stimmen als letzter Gegenstand auf die nächste Tagesordnung gesetzt.
21. November—3. Dezember. Sturz des Präsidenten und
Wahl Sadi Carnots an seine Stelle.
Nachdem Rouvier seine Entlassung gegeben, beruft Präsident Grévy
zunächst Clémenceau zur Neubildung des Kabinetts. Dieser erklärt eine
Antwort nur in Gegenwart Floquets, Freycinets und Goblets geben zu
können und rät mit diesen gemeinsam dem Präsidenten, sich zu verpflichten,
in bestimmter Frist abzudanken, da sonst kein Kabinett zustande kommen