Full text : Das Konstanzer Bekenntnis für den Reichstag zu Augsburg 1530.

256  Johannes  Ficker:

Blaurers  Schutzrede  über  die  Flucht  aus  dem  Kloster  gibt
die  Grundzüge  seiner  Anschauung!).  Es  ist  das  persönliche  Christentum
  der  Dankbarkeit  und  des  mauerfesten  Vertrauens  auf  Christus.
das  nur  im  Gewissen  und  in  der  Schrift  gebunden  ist,  dessen  Kern
durch  das  Gewölke  menschlicher  Gebote,  Lehren  und  Auslegungen
Luther  erschlossen  hat,  mit  leisen,  aber  deutlichen  Einschlägen  der
deutschen  Mystik:  „diese  Lehre  bildet  uns  allain  für  den  armen,
verschmechten,  crützigeten  Christum  und  lert  uns  ain  rain,  getruckt,
ganz  gelassen  und  der  leer  Christi  in  allweg  gleichförmig  leben*.
In  warmer  Verteidigung  Luthers  wird  gegenüber  dem  äusserlichen
der  geistige  (sottesdienst  und  hier  mit  besonderem  Nachdruck  der
sittliche  Charakter  seines  Christentums,  statt  des  äusseren  Tempeldienstes
  der  Dienst  an  die  Armen  gekennzeichnet,  eines  Christentums,
  das  Friede  und  bürgerliche  Einigkeit  als  rechtes  Zeichen
des  christlichen  Lebens  an  der  Stirne  trägt  und  das  sich  um  der
Sache  willen  auch  des  persönlichen  Urteils  enthält,  wie  Blaurer
gegenüber  der  Polemik  Luthers.  Hier  treten  die  äusseren  Formen
des  Christentums  ganz  zurück  hinter  seine  Innerlichkeit.  Blaurer
erbietet  sich  sogar  zur  Rückkehr  ins  Kloster,  wenn  er  seiner  evangelischen
  Ueberzeugung  nach  frei  leben  und  lehren  dürfe,  und  dem
Rate  Melanchthons  folgend  hat  er  noch  Jahre  lang  die  Kutte  getragen.
  Sein  Bruder  Thomas  blickt  wie  er  unverwandt  auf  den
Schmerzensmann  am  Kreuze  und  versenkt  sich  in  ihm  „ganz  in
das  göttliche  Herz,  aus  dem  er  das  Wasser  des  ewigen  Lebens
geschöpft  hat“,  und  nachdem  er  Wittenberg  verlassen  hatte,  um
allen  Gefahren  daheim  zu  Trotz  die  Befehle  seines  himmlischen
Königs  zu  erfüllen  —  wie  er  seinem  \Vormser  Reisegefährten  Peter
Swaven  in  seiner  poetischen  Epistel  zuruft  —  ?),  erkennt  er  in  der
Heimat  deutlich,  seiner  Pflicht,  die  Wahrheit  zu  schirmen,  noch
näher  gerückt  durch  das  Beispiel  Hus’,  als  das  grosse  Werk  des
Willens  Gottes  den  Bau  der  wahren  Kirche,  des  Reiches  Christi,
„das  freilich  inwendig  in  den  Herzen  der  Menschen  ist“.  So  schreibt

1)  Wahrhafft  verantwortung  Ambrosii  Blaurer  1523.  Pressel  5  ff.  In  neuerer
Zeit  ist  auf  „des  Ambrosius  Blarer  Schutzschrift  an  den  Rath  von  Konstanz  vom
Jahre  1522  für  Luther  und  seine  Lehre“  zuerst  wieder  aufmerksam  gemacht
worden  in  der  Festgabe  zum  Reformationsfeste  1857  von  Stadtpfarrer  Dr.
HOLTZMANN  und  Dr.  HUNDESHAGEN.

2)  Das  Gedicht  an  Swaven  (dat.  am  Ende,  für  die  Abfassung  jedenfalls
irrtümlich,  Wittenberg  Januar  1524)  ist  zusammen  gedruckt  mit  Th.  Blaurer»
Sententiae  Solomonis  Cap.  I  hexametris  conversun,  Konstanz  1528  (Zürich,
Stadtbibl.).