Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Dritter Teil. Bis zur Juli-Revolution. (26)

148  III.  3.  Troppau  und  Laibach.

Königin  zu  einer  erdrückenden  Anklage  wider  ihren  Gemahl,  der  in  der
Einsamkeit  des  Parks  von  Windsor  seinen  Grimm  und  seine  Schande
verbergen  mußte.  Im  November  fiel  endlich  die  Entscheidung;  nur  mit
neun  Stimmen  Mehrheit  sprachen  sich  die  Lords  für  die  Trennung  der
königlichen  Ehe  aus.  Der  König  gab  sein  Spiel  verloren,  er  ließ  die
Bill  zurückziehen,  weil  sie  nunmehr  im  Hause  der  Gemeinen  unmöglich
durchgehen  konnte.

Einen  monarchischen  Staat  hätte  eine  solche  Entehrung  der  Krone
bis  in  seine  Grundfesten  zerrüttet.  Der  gewaltige  Bau  dieser  parlamentarischen
  Aristokratie  blieb  unerschüttert,  denn  sein  Schwerpunkt  lag
nicht  mehr  bei  der  Krone.  Der  Proceß  der  Königin  Karoline  setzte  nur
das  Siegel  unter  die  längst  vollzogene  Vernichtung  der  alten  unabhängigen
monarchischen  Gewalt  und  bekundete  vor  aller  Welt,  daß  der  König  von
England  kaum  noch  die  Macht  eines  venetianischen  Dogen  besaß.  Für
die  Herrschaft  der  Torys  aber  ward  diese  Niederlage  verhängnißvoll.  Sie
hatten  einst  die  Nation  mit  hartnäckigem  Muthe  zum  Kampfe  gegen  das
napoleonische  Weltreich  geführt;  doch  seitdem  war  die  Zeit  über  sie  hinweggeschritten,
  alle  ihre  früheren  Verdienste  verschwanden  neben  der  völlig
unfruchtbaren,  gedankenlosen  Politik  der  letzten  fünf  Jahre.  Der  allgemeine
Unwille  über  das  System  der  Erstarrung  steigerte  sich  jetzt  bis  zur  Verachtung;
  die  verhaßte  Regierung  hielt  sich  nur  noch  aufrecht,  weil  vorderhand
Niemand  bereit  war  ihre  traurige  Erbschaft  anzutreten.  Die  seit  Langem
entmuthigten  und  zerstreuten  Wighs  begannen  wieder  zu  erstarken  und
sammelten  sich  in  der  Stille  um  das  Programm  der  Parlamentsreform.
In  solcher  Lage  durfte  Castlereagh  nicht  mehr  wagen  seinen  reaktionären
Herzensneigungen  die  Zügel  schießen  zu  lassen  und  der  europäischen  Politik
seines  Freundes  Metternich  ohne  Vorbehalt  zu  folgen.  Erschüttert  durch
innere  Kämpfe  sahen  die  beiden  constitutionellen  Westmächte  den  Revolutionen
  des  Südens  gleich  rathlos  zu.  —

Die  moderne  Wissenschaft  sucht  die  Größe  der  Monarchie  nicht  mehr,
wie  die  politische  Doktrin  des  Alterthums,  in  der  persönlichen  Ueberlegenheit
eines  gottgesendeten  Herrschergeschlechts,  sondern  in  der  Selbständigkeit
einer  auf  eigenem  Rechte  ruhenden  und  darum  unparteiischen,  der  socialen
Begehrlichkeit  entrückten  Staatsgewalt.  Für  das  Gefühl  der  Völker  aber
gewinnen  die  politischen  Institutionen  nur  durch  die  handelnden  Menschen
Sinn  und  Leben.  Eine  so  schmachvolle  Selbstentwürdigung  des  Königthums,
  wie  sie  dies  Geschlecht  gleichzeitig  in  Spanien,  Italien  und  England
erlebte,  mußte  in  weiten  Kreisen  die  monarchische  Gesinnung  untergraben.
Solchen  Fürsten  gegenüber  erschienen  die  Lehren  der  Legitimität  wie  ein
grausamer  Spott;  und  da  die  Völker  stets  über  den  Leiden  der  Gegenwart
die  schweren  Nöthe  der  Vergangenheit  zu  vergessen  pflegen,  so  wendeten
sich  bereits  viele  Blicke  sehnsüchtig  rückwärts  nach  jenem  Gewaltigen,  der
einst  die  legitimen  Fürstenhäuser  so  unvergeßlich  gedemüthigt  hatte.  Ganz