Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Dritter Teil. Bis zur Juli-Revolution. (26)

Bunsen  in  Rom.  413

liches  geleistet  hatte,  und  er  verstand  seinen  Ruf  im  Dienste  der  Wissen—
schaft  zu  verwerthen.  Durch  ihn  und  den  jungen  Posener  Philologen
Gerhard  kam  im  Jahre  1829  das  Institut  für  archäologische  Correspondenz
zu  Stande  —  gerade  in  dem  günstigen  Zeitpunkte,  da  die  Aufgrabung  des
römischen  Forums  begann  und  die  Vasen  von  Vulci,  die  etruskischen  Wandbilder
  in  den  Gräbern  von  Corneto  entdeckt  wurden  —,  ein  groß  gedachtes
und  umsichtig  geleitetes  Unternehmen  unter  dem  Schutze  der  Krone  Preußen,
das  von  Gelehrten  aller  Länder,  am  eifrigsten  von  Deutschen  und  Italienern
unterstützt,  für  die  Erforschung  der  Alterthümer  Italiens  einen  festen
Grund  legte  und  späterhin,  als  R.  Lepsius  in  das  Haus  am  tarpejischen
Felsen  einzog,  auch  die  junge  Wissenschaft  der  Aegyptologie  förderte.  Wie
anders  als  zwanzig  Jahre  zuvor  war  jetzt  Preußens  Stellung  in  der
gebildeten  Welt;  das  Ausland  begann  allmählich  zu  bemerken,  welche
geistigen  Kräfte  diesem  Staate  zu  Gebote  standen.  Die  gelehrten  deutschen
Romfahrer  brachten  den  verrufenen  Namen  der  Tedeschi  wieder  zu  Ehren;
keine  Landstadt  in  Mittelitalien,  vo  man  Gerhard,  den  guten  Signor
Odoardo  nicht  kannte  und  mit  gelehrten  Mittheilungen  versorgte.
Bunsen  war  von  der  Theologie  ausgegangen,  sein  frommes  Gemüth
konnte  mitten  in  den  Zerstreuungen  der  großen  Welt  den  täglichen  unmittelbaren
  Verkehr  mit  Gott  nicht  entbehren;  mit  seinem  Freunde  dem  Kronprinzen
  hoffte  er  auf  die  Selbständigkeit  einer  freien  evangelischen  Kirche.
Sein  halbes  Leben  lang  trug  er  sich  mit  dem  Plane,  alle  die  weit  entlegenen
historischen,  linguistischen,  theologischen,  juristischen  Forschungen,  die  er  in
den  Mußestunden  seines  Amtes  mit  eisernem  Fleiße  betrieb,  zu  einer  Philosophie
  der  Geschichte  zu  vereinigen,  welche  „den  sicheren  Pfad  Gottes  durch
den  Strom  der  Zeiten  verfolgen“,  das  Walten  der  Vorsehung  im  Werdegange
  der  Völker  nachweisen  sollte.  Er  selber  wähnte,  nur  das  seltsame
Spiel  des  Schicksals,  das  ihn  halb  wider  Willen  in  die  Bahnen  der
Diplomatie  verschlug,  habe  dies  sein  Lebenswerk  nicht  zur  Reife  kommen
lassen.  In  Wahrheit  war  die  schöpferische  Kraft  seines  Geistes  einem  so
gewaltigen  Stoffe  nicht  gewachsen;  auch  er  litt  gleich  seinem  prinzlichen
Freunde  unter  dem  Verhängniß  einer  glänzenden  vielseitigen  Begabung,
die  zu  allem  Großen  berufen  schien  und  sich  in  stolzen  Entwürfen  übernahm
  ohne  je  ein  vollendetes  Werk  zu  gestalten.  Wie  sein  Stil  bei  aller
Lebhaftigkeit  immer  weitschweifig  blieb  und  niemals  mit  der  Naturgewalt
ursprünglicher  Beredsamkeit  das  Herz  des  Lesers  packte,  so  erhob  sich  auch
der  wissenschaftliche  Gehalt  seiner  Schriften  nur  selten  über  das  Maß
eines  allerdings  gedankenreichen  und  weitumfassenden  Dilettantismus.
Und  noch  weniger  sogar  vermochte  er  den  Aufgaben  der  praktischen
Staatskunst  zu  genügen.  Die  unendliche  Empfänglichkeit  seines  leicht
erregbaren  Herzens  war  das  genaue  Gegentheil  jener  gesammelten,  fest
auf  ein  Ziel  gerichteten  Willenskraft,  welche  den  Staatsmann  macht;
niemals  ging  er  gänzlich  auf  in  dem  diplomatischen  Berufe,  dessen  Nüchtern-