Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Dritter Teil. Bis zur Juli-Revolution. (26)

414  III.  6.  Preußische  Zustände  nach  Hardenberg's  Tod.

heit  er  beklagte  und  dessen  Glanz  er  doch  nicht  missen  mochte.  Auch  in
der  Politik  war  er  nicht  arm  an  feinen  Gedanken  und  neuen  Gesichts—
punkten;  er  verstand  zu  wachsen  mit  der  wachsenden  Zeit  und  lernte,  nach—
dem  er  anfangs  den  antirevolutionären  Anschauungen  Niebuhr's  blind—
lings  gefolgt  war,  die  constitutionellen  Ideen  des  Jahrhunderts  billiger
zu  beurtheilen;  er  liebte  das  Vaterland  seiner  Wahl  mit  glühender  Be—
geisterung  und  gab  selbst  in  dieser  muthlosen  Zeit  nicht  die  Hoffnung
auf,  daß  Preußen  dereinst  die  Deutschen  beherrschen  werde.  Aber  er  wußte
von  seinem  Staate  sehr  wenig.  Ihm  fehlte  gänzlich  die  Kenntniß  des
praktischen  Lebens  und  seiner  endlichen  Bedürfnisse,  die  dem  Staatsmanne
so  wesentlich  ist  wie  dem  Künstler  die  Beherrschung  der  technischen  Hand—
griffe;  ihm  fehlte  selbst  die  Gabe  das  Wirkliche  nüchtern  zu  beobachten,
dies  erste  und  unentbehrlichste  Talent  für  einen  Diplomaten,  der  dem
harten  Realismus  der  vaticanischen  Politik  Stand  halten  sollte.  Fort
und  fort  wiegte  sich  sein  Selbstgefühl  in  holden  Täuschungen.  Weil  sein
gastliches  Haus  gern  besucht  wurde,  meinte  er  schon  eine  Macht  in  Rom
zu  sein.  Wenn  er  aus  den  Fenstern  seines  Palastes,  von  der  ehr—
würdigsten  Stelle  Roms,  wo  einst  der  Tempel  des  Jupiter  Capitolinus  ge—
standen,  hinabschaute  auf  die  ewige  Stadt  und  die  Kuppelkirche  des  Gesuüͤ
tief  zu  seinen  Füßen,  da  überkam  ihn  zuweilen  ein  Rausch  der  Ueberhebung,
und  er  redete  in  seinen  Briefen,  als  wäre  er  ein  protestantischer  Gegenpapst
hier  mitten  im  katholischen  Babel.  So  oft  ihm  der  Papst  oder  ein  Car—
dinal  eine  jener  Artigkeiten  sagte,  welche  den  Südländern  gar  nichts  kosten,
rühmte  er  sich  eines  großen  diplomatischen  Erfolges.  Obgleich  er  die
mächtige  reaktionäre  Stimmung  in  der  Kirche  wohl  bemerkte,  so  hielt  er
doch  sein  Preußen  für  vollkommen  sicher,  da  der  Staat  in  seinen  trefflichen
Bildungsanstalten  ein  unfehlbares  Mittel  besitze  um  alle  ultramontanen
Einflüsterungen  abzuweisen  und  „der  römische  Stuhl  über  unsere  Katho—
liken  nur  eine  sehr  gemäßigte  Autorität  ausüben  werde“.  Die  stolze  Zu—
versicht  seiner  Berichte  gewann  ihm  in  Berlin  hohes  Vertrauen;  man  über—
schätzte  ihn  allgemein,  Mancher  stellte  ihn  hoch  über  Niebuhr.

Als  die  Händel  wegen  der  gemischten  Ehen  sich  verschärften,  wurde
er  im  Herbst  1827  nach  Berlin  gerufen,  um  sachkundigen  Rath  zu  er—
theilen.  Dort  eroberte  er  im  Sturme  Aller  Herzen,  er  bezauberte  Eich—
horn,  Bernstorff,  den  Kronprinzen  und  vornehmlich  den  König  selbst.  Kein
anderer  Mann  hatte  jemals  von  dem  alternden  Fürsten  so  viel  väterliche
Güte  erfahren;  die  neidischen  Hofleute  meinten,  es  fehle  nur  noch,  daß
der  König  den  jungen  Doktor  an  Sohnesstatt  annehme,  sonst  könne  er
nichts  mehr  für  ihn  thun.  Bis  in  die  ländliche  Abgeschiedenheit  des
Paretzer  Schlößchens,  das  niemals  ein  Minister  betrat,  durfte  Bunsen
seinem  gnädigen  Herrn  folgen;  wie  ein  alter  Hausfreund  war  er  zugegen,
wenn  der  König  mit  seiner  Gemahlin  Schach  spielte.  Für  seine  capi—
tolinische  Liturgie,  die  er  eigenmächtig  in  der  Gesandtschaftsgemeinde  ein—