Der Angriff am 15. Juli. 221
mehr aufbrachte, der in gewissen Mengen immer noch vorhanden
war, teils wegen der bedenklichen Ausfälle durch Fahnenflucht und
Drückebergerei. Eine Gewähr für die glückliche Durchführung der
Abwehr war nicht geboten, ebensowenig für die Erwartung, daß
nun die Wirkung des U-Bootkrieges ausreichen würde, die feindlichen
Völker und Staatsmänner friedenswillig zu machen.
Rein taktisch-strategisch, völlig losgelöst von den großen Zusammenhängen
betrachtet, hätte das Westheer den Endkampf in
der Verteidigung unter günstigeren Bedingungen geführt, wenn es
am 15. Juli nicht mehr angegriffen hätte. Die Truppe wäre
weniger ermüdet gewesen, auch stärker geblieben. Ob der Mißerfolg
vom 18. Juli und namentlich der vom 8. August, der mit dem Angriff
vom 15. Juli in keinem Zusammenhang stand, vermieden
worden wäre, ist eine andere Frage. Auch der Rückzug in die Ausgangsstellung
hätte erst nach längerer Zeit beginnen können, um
bei der Truppe nicht den Eindruck des Geschlagenseins zu erwecken,
selbst wenn auf das Kriegsmaterial, das vor ihr lag, planmäßig
verzichtet worden wäre.
Sei dem, wie es mag — der Schwerpunkt liegt darin, daß der
Rückzug einen Sieg ausschloß und die Niederlage mit ihren traurigen
Folgen, wenn nicht im Herbst 1918, so doch 1919, unabweislich
machte, während der Angriff durchaus die Möglichkeit des Sieges
hatte. Unsere Truppen hatten bisher im Angriff den Feind geschlagen.
Im Falle eines Mißlingens konnte der erste Weg immer
noch, wenn auch unter vermehrten Schwierigkeiten, beschritten
werden.
In dieser Lage hielt die O. H. L. daran fest, um den Sieg zu
kämpfen und am 15. Juli anzugreifen. Ein Sieg am 15. Juli
konnte die feindlichen Heere viel mehr erschüttern, als die Erfolge
es im Jahre vorher getan hatten. Er war allein imstande, die bei
der Entente vorhandenen Friedenskeime zur Reife zu bringen. Ein
Sieg allein konnte uns über die inneren Schwierigkeiten hinwegbringen.
Die O. H. L. faßte den Entschluß in vollem Bewußtsein der
schweren Verantwortung, die ihr das Amt auferlegte; das sollten
wenigstens Soldaten anerkennen.