Full text : Ein Volk in Waffen.

Kanonendonner  nur  aus  der  Ferne  anhören.  Ins  Feuer,  wie
die  andern,  dürfen  wir  nicht.“  —  „Aber  Ihre  Arbeit  ist  doch
ebenso  wichtig;  wie  stände  es  mit  dem  Feuer  an  der  Front,  mit
der  Verpflegung  und  den  Ersatztruppen,  wenn  Sie  nicht  den  Eisenbahnbetrieb
  in  Ordnung  hielten!“  —  „Gewiß,  aber  es  ist  eine
fürchterliche  Geduldprobe.“

Endlich  kommt  der  erwartete  Zug  heran.  „Haben  Sie  keine
neuen  Zeitungen?“  rufen  Wachtposten  und  Eisenbahnarbeiter,  als
wir  langsam  vorüberfahren.  „Ich  habe  schon  alle  weggegeben,
die  ich  hatte“,  antworte  ich.  Aber  ich  finde  noch  eine  Nummer
der  Trierischen  Zeitung,  und  am  nächsten  Ort,  wo  mehrere  Soldaten
  beieinander  stehen,  werfe  ich  sie  hinaus.  Wie  eifrig  die
Leute  die  Neuigkeiten  verschlingen;  einer  liest  vor,  die  andern
horen  zu.  «

Hier  begegnen  wir  einem  lustigen  Zug:  einige  Wagen  sind
als  Reparaturwerkstätten  eingerichtet.  Da  stehen  Hobelbänke  und
Schleifsteine,  da  liegen  Sägen,  Meißel,  Axte  und  Hämmer  herum.
Andere  Wagen  sind  gestopft  voll  von  Zweirädern,  Schubkarren,
Spaten,  Spießen,  Arten  und  Hacken  und  andern  Werkzeugen,  die
man  bei  Pionierarbeiten,  Barrikaden  und  Schützengräben  braucht.
Hinter  einem  langen  Tunnel  öffnet  sich  eine  herrliche  Landschaft,
stärker  gewellt  als  die  bisherige;  unter  uns  kreuzen  sich  mehrere
große  Landstraßen.  An  der  nächsten  senkt  sich  der  Bahnkörper
jäh  herab.  Unten  ist  eine  Wachtstube,  in  der  mehrere  Landstürmer
nach  der  Arbeit  ausruhen  und  die  Stunde  abwarten,  wo  ihre
Kameraden  abgelöst  werden  sollen.  Eine  Schar  graugekleideter
Arbeiter  geht,  den  Spaten  auf  der  Schulter,  die  Strecke  entlang.
An  einer  kleinen  Haltestelle  stehen  etwa  vierzig  graue  und  blaue
Soldaten  um  ihre  Gewehre  herum.  Es  nimmt  auch  nie  ein  Ende
mit  den  Soldaten!  Welche  Massen  werden  nicht  allein  an  den
Eisenbahnlinien  verbraucht.

Die  Sonne  geht  unter.  Hinter  einem  neuen  Tunnel  öffnet
sich  im  Tal  unter  uns  die  Aussicht  auf  den  gewundenen  Flußlauf
  der  Semois.  Neue  Scharen  zurückkehrender  Arbeiter.  „Noch

76