6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 179
dem Namen nach eine freie Stadt unter sächsisch-polnischem Schutze, in Wahrheit
aber eine französische Festung. Aus dem größten Teile der abgetretenen
preußischen Gebiete westlich von der Elbe, aus Braunschweig, Kurhessen und
der Südspitze Hannovers bildete Napoleon ein neues Königreich Westfalen
und gab es seinem jüngsten, mit einer württembergischen Prinzessin vermählten
Bruder Hieronymus, der seinen Wohnsitz in Kassel nahm und dem Rheinbunde
beitrat. Preußen hatte mehr als die Hälfte seines Umfanges und
seiner Einwohnerzahl verloren; dazu sollte das schon ausgesogene Land bis
zur völligen Abzahlung einer Kriegsschuld, deren Höhe noch nicht einmal
bestimmt war, eine französische Besatzungsarmee von 160000 Mann ernähren.
Nicht ohne Schadenfreude sahen manche deutsche Kleinstaaten die einst so
mächtige Monarchie Friedrichs des Großen schon zwei Jahrzehnte nach dessen
Tode zerbröckeln.
Iln ergreifenden, würdigen Worten entließ König Friedrich Wilhelm seine bisherigen
Unterthanen. „Der Friede mußte abgeschlossen werden. Was Jahrhunderte,
biedere Vorfahren, was Liebe und Vertrauen verbunden hatten, mußte Netrennt
werden. Das Schicksal gebietet, der Vater scheidet von seinen Kindern.“ Rührend
waren die Antworten, welche ihm von allen Seiten zugingen; die Bauern der Grafschaft
Mark schrieben in ihrem derben Platt: „Das Herz wollte uns brechen, als
wir Deinen Abschied lasen; so wahr wir leben, es ist nicht Deine Schuld.“ Solche
und viele andere Beweise der Unterthanenliebe erquickten das wunde Herz des Königs;
noch größeren Trost fand das Königspaar in dieser schweren Zeit in seinem festen
Gottvertrauen. Damals erwählte der König die Inschrift von einem Grabdenkmal
im Königsberger Dom: „Meine Zeit in Unruhe, meine Hoffnung in Gott“
zu seinem Wahlspruche.
5. Preutens Wiedergeburk.
Der Friede zu Tilsit bezeichnet die tiefste Erniedrigung Deutschlands,
wenn auch viele der Unterworfenen kaum die Schmach der Fremdherrschaft
cmpfanden, sondern sich durch geringe, ihnen von der neuen
Herrschaft gebrachte Vorteile blenden ließen. So wurde im Königreich
Westfalen der Code Napoléon eingeführt, der mit der allgemeinen Rechtsgleichheit
Aufhebung der Frondienste und durch die Einführung von Schwurgerichten
den Laien wieder Teilnahme an der Rechtspflege gewährte. Aber
allmählich gingen auch ihnen die Augen auf, als sie sahen, wie Napoleon den
Rheinbund nur in seinem Interesse benutzte, wie die Blüte deutscher Jugend
für ihn auf den Schlachtfeldern geopfert und wie das deutsche Volk durch
französische Lasterhaftigkeit, am schlimmsten durch den Hof Jeromes in Kassel,
vergiftet wurde. Auch die Länder des Rheinbundes litten unter dem stetig
wachsenden Steuerdruck und der durch die Festlandssperre verursachten Handelsstockung.
Am meisten aber litt Preußen. Das so verkleinerte und ausgesogene
Land mußte ein französisches Besatzungsheer von 160000 Mann
löhnen und aufs beste verpflegen. In dem so schwer heimgesuchten Ostpreußen
lagen weite Landstriche wie ausgestorben, so daß die Prediger von den Kanzeln
ermahnten, wer wolle, möge ernten, damit nicht das Korn auf dem Halme
verdorre. Der Handel stand fast vollständig still, besonders der Seehandel,
da die Engländer und später auch die Franzosen die preußische Handelsflotte
fast ganz vernichtet hatten. Die Seehandlung und die Preußische Bank
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