Volltext : Deutsches Kolonialblatt. XXVI. Jahrgang, 1915. (26)

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Innerhalb  der  Verwaltungstätigkeit  der  Beamten
  verdient  die  Steuererhebung  ein  besonderes
Interesse,  einmal  mit  Rücksicht  auf  die  Bedeutung,
die  ihr  seitens  des  Gouvernements  beigemessen
wird,  sodann  aber  mit  Rücksicht  auf  die  Folgen,
die  aus  der  augenblicklichen  Steuerpolitik  für  die
Allgemeinheit  bereits  entstehen  und  in  noch  bedenklicherem
  Umfange  entstehen  können.

Die  Steuereinnahmen  des  Bezirks  in  der  Zeit
vom  1.  Januar  bis  31.  Mai  1914  betrugen
138  671  Fr.,  die  Gesamtsteuereinnahmen  für  das
Jahr  1914  waren  auf  325  000  Fr.  veranschlagt.
Der  Steuersatz  betrug  für  den  erwachsenen  männlichen
  Eingeborenen  in  den  Territoires  Basongo,
Mushenge,  Luebo  und  Luluaburg  9  Fr.  pro  Jahr,
für  die  übrigen  Teile  des  Bezirks  6  Fr.  Man
wird  diese  Sätze  in  den  Gegenden,  wo  die  Eingeborenen
  es  verhältnismäßig  leicht  haben,  Bargeld
  zu  erwerben,  so  z.  B.  in  den  Gegenden,  wo
sie  als  Arbeiter  der  bereits  mehrfach  genannten
großen  Gesellschaften  tätig  sein  können,  bei  der
großen  Geldnot  der  Kolonie  noch  für  gerechtfertigt
halten  können,  auch  wenn  die  relativ  niedrigen
Arbeitslöhne  den  Arbeiter  zwingen,  einen  ganzen
Monat  und  mehr  im  Interesse  des  Gouvernements
zu  arbeiten,  und  wenn  auch  die  Gegenleistungen
des  Gouvernements  für  diese  Steuerleistungen
der  Eingeborenen  bisher  verschwindend  gering
sind.  Die  Sätze  sind  aber  viel  zu  hoch  in  allen
den  Gegenden,  in  denen  den  Eingeborenen  diese
Erwerbsmöglichkeit  sehlt,  und  diese  Gegenden
überwiegen  infolge  des  Abbaus  der  Kautschukbestände
  und  der  Herabsetzung  der  den  Eingeborenen
  für  ihren  Kautschuk  gezahlten  Preise  im
Bezirk  erheblich.  Der  heutige  Kautschukpreis
zwingt  den  Eingeborenen  in  vielen  Gegenden  des
Bezirks,  bis  zu  6  Monaten  zu  arbeiten,  will  er
aus  dem  Kautschukerlös  die  für  die  Steuer  erforderliche
  Summe  erhalten.  Dazu  kommt  aber,
daß  auch  die  Kaufleute  ungeachtet  aller  Mahnungen
des  Gouvernements  die  Bezahlung  des  Kautschuks
in  Waren  noch  immer  der  in  Bargeld  vorziehen,
da  sie  alsdann  wenigstens  an  dem  Absatz  der
Waren  verdienen,  während  das  von  ihnen  gezahlte
  Geld  ja  doch  nur  von  dem  Gouvernement
im  Wege  der  Steuererhebung  aus  dem  Lande
gezogen  wird.  Ebenso  bezahlen  die  katholischen
Missionen  ihre  Arbeiter  und  Träger  noch  in
Waren,  weil  fie  sich  dabei  besser  stehen.  Und
auch  ihnen  wird  man  hieraus  kaum  einen  Vorwurf
  machen  können:  ist  doch  die  Abgabe  europäischer
  Artikel  aus  den  Magazinen  der  Mission
für  weite  Gegenden,  aus  denen  sich  jetzt  sämtliche
naufleute  infolge  der  Kautschukkrise  zurückgezogen
haben,  noch  die  einzige  Möglichkeit,  die  begehrten
curopäischen  Artikel  zu  erhalten.

Umgekehrt  ist  das  Bestreben  der  Verwaltungs- 



beamten,  möglichst  viel  Steuern  aus  dem  ihnen
unterstehenden  Gebiet  herauszuholen,  durch  interne
Verfügungen  des  Gouvernements  fast  bis  ins
Krankhafte  gesteigert.  Die  Leistungen  der  Beamten
kann  man  häufig  nach  dem  „gemachten  Steuerbetrage“
  bewerten  hören,  bei  ihren  Zusammenkünften
  halten  sich  die  Beamten  diese  Beträge
rühmend  vor.  Mit  allen  Mitteln  sucht  der  Verwaltungschef
  die  Eingeborenen  zu  der  Steuer
heranzuziehen,  und  es  fehlt  hierbei  nicht  an
Folgeerscheinungen  bedenklichster  Art.  Erzählungen
einzelner  Beamter,  nach  denen  sie  sich  mit  den
ihnen  zur  Verfügung  stehenden  Soldaten  in  den
einzelnen  Dörfern  festsetzen  und  hier  die  Schafe,
Ziegen  und  Hühner  des  Orts  durch  ihre  Soldaten
  aufessen  lassen,  bis  schließlich  der  Häuptling
  den  letzten  Centime  seines  Dorfes  herangebracht
  hat,  kann  man  wohl  als  renommistische
Übertreibungen  in  das  Reich  der  Fabel  verweisen.
  Aber  auch  das  in  allen  gesetzlichen
Formen  sich  bewegende  Verfahren  hält  einer
ernsthaften  Kritik  kaum  stand:  Will  ein  Administrateur
  in  einem  Dorf  die  Steuer  einziehen,  so
schickt  er  diesem  einige  Zeit  vorher  Nachricht.  Bei
dem  Mangel  an  Bargeld  und  der  Unmöglichkeit,
in  kurzer  Zeit  den  erforderlichen  Betrag  zu  erwerben,
  versetzt  diese  Nachricht  die  Dorfbewohner
in  begreifliche  Unruhe  und  Angst.  Diese  Situation
  nutzen  die  am  Stationssitz  vorhandenen,  über
einen  Geldbetrag  verfügenden  Farbigen  aus:  Sie
eilen  dem  Europäer  voraus,  schildern  dem  schon
verängstigten  Eingeborenen  die  Folgen  einer
Nichtzahlung  seiner  Steuer  in  noch  viel  schwärzeren
  Farben  und  bieten  ihm  die  erforderliche
Summe  in  bar  an,  wenn  er  ihnen  seinerseits
seine  Hühner  oder  Ziegen  für  einen  etwa  der
Hälfte  des  sonst  üblichen  Preises  entsprechenden
Betrag  überläßt.  Meist  folgt  der  Steuerpflichtige
in  seiner  Notlage  diesem  Angebot,  um  es  nach
der  Bezahlung  der  Steuer  und  dem  Jortzug  des
Europäers  nur  um  so  lebhafter  zu  bereuen.  Der
farbige  Wucherer  zieht  dann  mit  einer  den  Transport
  schon  lohnenden  Anzahl  von  Vieh  auf  einen
entfernteren  Markt,  um  es  dort  mit  100  v.  H.  zu
verkaufen.  Aber  schließlich  erschöpft  ein  solches
Verfahren  die  vorhandenen  Bestände  und  schafft
eine  Erbitterung  und  Unzufriedenheit  unter  den
Eingeborenen,  die  bedenklich  werden  kann.  Schon
haben  sich  Eingeborene  bei  den  katholischen
Missionaren  über  das  Verfahren  der  Regierung
beschwert  und  deutlich  damit  gedroht,  sie  würden
die  Weißen  angreifen,  wenn  diese  Gewaltmaßnahmen
  nicht  aufhörten.  Das  sind  für  diese
Gegenden  heute  noch  Phrasen,  aber  sie  zeugen
von  einem  Ideengang,  der  zur  Vorsicht  mahnen
sollte.  In  dem  benachbarten  Sankurubezirk  ist
es  schon  zu  einem  bewaffneten  Widerstand  gegen