Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Jenishes  Reit.  (Februar  27.  —  Mãärz  2.)  191

Lebensquell,  aus  der  Liebe  des  freien  Mannes,  ihre  Kraft  zieht.  (Lebhafter
  Beifall.)  Dies  und  nichts  anderes  ist  Sinn  und  Wesen  des  deutschen
Kaisergedankens  und  des  preußischen  Königtums!

M.  H.,  ich  kehre  von  der  Zukunft  zu  den  Ereignissen  der  Gegenwart
zurück.  Meine  letzte  Rede  vor  dem  versammelten  Reichstag  am  12.  Dez.
1916  galt  dem  Vorschlag  Deutschlands  und  seiner  Verbündeten,
in  Friedensverhandlungen  einzutreten.  Unser  Vorgehen  fand
bei  den  neutralen  Staaten  lebhaften  Widerhall.  In  den  bekannten  Anregungen
  des  Präsidenten  der  Vereinigten  Staaten,  in  dem  Vorgehen  der
Regierungen  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  und  der  skandinavischen.
Reiche  ist  das  zu  beredtem  Ausdruck  gekommen.  Bei  unseren  Feinden  aber
war  die  verbissene  Kriegsleidenschaft  ihrer  Machthaber  stärker  als  der  Schrei
der  Völker  nach  Frieden.  Ihre  Antwort  war  gröber  und  vermessener  als
irgendein  Vernünftiger  bei  uns  und  bei  den  Neutralen  sie  denken  konnte.
(Sehr  richtig!  rechts  und  links.)  Die  Wirkungen  dieses  Dokuments  barbarischen
  Hohns  und  Hasses  liegen  klar  zutage:  unsere  Bündnisse  und  Fronten
stehen  fester,  das  deutsche  Volk  ist  einiger  und  standhafter  als  je.  (Bravol)
Allein  auf  unsere  Gegner  fällt  die  ungeheure  Schuld  an  dem
fortgesetzten  Blutvergießen,  fällt  der  Fluch  der  leidenden
Menschheit  zurück.  Sie  waren  es,  die  die  Hand  der  Verständigung
zurückgestoßen  haben.  Ueber  die  Seesperre,  m.  H.,  die  wir  in  Gemeinschaft
  mit  Oesterreich-Ungarn  um  England,  Frankreich  und  Italien  gelegt
haben,  habe  ich  am  31.  Jan.  vor  Ihrem  Hauptausschuß  gesprochen.  Auf
unsere  damals  veröffentlichte  Note,  mit  der  wir  die  Sperre  ankündigten,
haben  wir  von  den  Neutralen  Erwiderungen  mit  Vorbehalten,  Verwahrungen,
  Protesten  erhalten.  Wir  verkennen  durchaus  nicht  die  großen
Schwierigkeiten,  in  die  die  neutrale  Schiffahrt  geraten  ist,  und  suchen  sie
nach  Möglichkeit  zu  lindern.  Zu  dem  Zwecke  suchen  wir  den  neutralen
Staaten  auch  Rohstoffe,  deren  sie  bedürfen,  wie  Kohle  und  Eisen,  innerhalb
des  Bereichs  unserer  Kräfte  zuzuführen.  Aber  wir  wissen  auch,  daß  diese
Schwierigkeiten  letzten  Endes  doch  nur  durch  die  brutale  Seetyrannei
Englands  verursacht  sind.  (Lebhafte  Zustimmung.)  Diese  Knechtung
jedes  nichtbritischen  Seeverkehrs  wollen  und  werden  wir
brechen.  (Lebhaftes  Bravol)  Den  erfüllbaren  Wünschen  der  Neutralen
kommen  wir  entgegen,  soweit  wir  es  können.  Aber  niemals  können  wir
in  dem  Bestreben,  dies  zu  tun,  die  Grenze  überschreiten,  die  uns  von  dem
unwiderruflichen  Entschluß  gezogen  wird,  den  Zweck  der  Sperre  unbedingt
zu  erfüllen  (Lebhaftes  Bravol),  und,  m.  H.,  ich  bin  überzeugt,  es  wird
noch  einmal  der  Zeitpunkt  kommen,  wo  uns  auch  die  neutralen  Staaten
für  diese  Festigkeit  danken  werden  (Sehr  richtig!),  denn  die  Freiheit  der
Meere,  für  die  wir  kämpfen,  wird  auch  ihnen  zugute  kommen.  (Sehr  richtig.)

Einen  Schritt  weiter  als  die  europäischen  Neutralen  sind  bekanntlich
die  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  gegangen.  Präsident  Wilson
hat  nach  Empfang  unserer  Note  vom  31.  Jan.  die  diplomatischen  Beziehungen
  schroff  abgebrochen.  Eine  authentische  Mitteilung  über  die
Gründe,  die  er  seinem  Schritte  gibt,  habe  ich  bisher  nicht  erhalten.  (Hört!
hört!)  Der  bisherige  amerikanische  Botschafter  hier  in  Berlin  hat  sich
darauf  beschränkt,  dem  Staatssekretär  des  Auswärtigen  Amts  mündlich  den
Abbruch  der  Beziehungen  mitzuteilen  und  um  seine  Pässe  zu  bitten.  Diese
Form  des  Abbruchs  der  Beziehungen  zwischen  zwei  großen  Reichen,  welche
im  Frieden  miteinander  leben,  ist  wohl  ohne  Vorgang  in  der  Geschichte.
(Sehr  richtigl)  Bei  dem  Mangel  eines  amtlichen  Dokumentes  bin  ich  auf
eine  unsichere  Quelle  angewiesen:  auf  die  von  Reuter  verbreitete  Inhaltsangabe
  einer  Botschaft,  die  Präsident  Wilson  am  3.  Febr.  an  den  Kongreß