Volltext : Heinrich der Löwe Herzog von Bayern und Sachsen.

(13.  Nov.
1129)°)

76  Zweites  Buch.  1:  Heinrichs  Jugend.

seines  Vaters  folgte  zuerst  der  ältere  Bruder  Hartung,  ein  rauher  Kriegsmann.
  Als  dieser  bald  auf  einem  Zuge,  den  er  mit  Kaiser  Lothar  nach  Böhmen
  unternahm,  gefallen  war,  trennte  sich  Adolf  von  seiner  einsamen  Studierzelle
  und  trat  die  Regierung  des  wichtigen  Landes  an,  die  er  mit  großer
Weisheit  führte.  Seine  Stellung  war  keine  leichte.  Nicht  nur  mit  den  noch
immer  kriegsmächtigen  Slawen  sowie  mit  denchristlichen  Gegnern  der  Welfen
hatte  er  zu  kämpfen.  Seine  Holsten  waren  ein  wenig  gesittetes,  durch  den
harten  Streit  mit  Dänen  und  Slawen  verwildertes,  der  Autorität  und  Zucht
entwöhntes,  grob  materiell  gesinntes,  auch  vor  Verrat  und  Mord  nicht  zurückschreckendes
  Volk,  das  besonders  den  fremden,  aus  Westfalen  zugezogenen
Schauenburgern  Feindschaft  trug").  Adolf  wußte  allen  diesen  Schwierigkeiten
  zu  begegnen;  ein  hervorragender  Fürst,  besaß  er  viele  Eigenschaften
und  Anschauungen  eines  modernen  Staatsmannes.  Wann  er  es  vermochte,
suchte  er  dem  Kriege  durch  gütliche  Verhandlungen  zuvorzukommen,  so  daß
ihm  die  rauflustigen  Holsten  —  mit  großem  Unrecht  —  ein  weibisches  Herz
vorwarfen?““).  Bald  hatte  er  Gelegenheit  zu  beweisen,  daß  die  gelehrte
Ausbildung  seines  Geistes  nicht  im  mindesten  seine  staatsmännische  Begabung
und  kriegerische  Tüchtigkeit  beeinträchtigt  hatte.  Mit  allen  Mitteln  unterstützte
  er  die  benachbarte  Stadt  Schleswig  in  ihrem  mutvollen  Widerstande
  gegen  die  Angriffe  des  Dänenkönigs  Magnus  f),  dessen  aufständischer
  Oheim  Erich  in  Schleswig  eine  Zufluchtsstätte  gefunden  hatte.  Als

(1134)  Kaiser  Lothar  in  Holstein  erschien,  benutzten  Adolf  und  Vizelin  diese  Gele-(1138

  bis

1141)

genheit,  um  Wagrien  zum  größten  Teil  unter  ihre  Botmäßigkeit  zu  bringenff##)
Von  hier  aus  drang  das  Christentum  in  dassüdlicher  gelegene  Polabien  einf###)
Daß  Adolf  in  dem  Streite  zwischen  den  Welfen  und  Albrecht  dem  Bären  für
jene  Partei  genommen,  erst  sein  Land  verloren,  dann  wieder  gewonnen  und
zuletzt  die  Kränkung  erfahren  hatte,  Wagrien  durch  die  Herzogin  Gertrud  an

1142  seinen  Gegner  Heinrich  von  Badwide  verliehen  zu  sehen,  ist  schon  erzählt

worden.  An  Wagrien  war  aber  dem  Grafen  besonders  gelegen,  da  es  ihm
den  Zugang  zur  Ostsee  und  zu  dem  trefflichen  Hafen  Lübeck  verschaffte;  weshalb
  stets  sein  Plan  gewesen  war,  es  gänzlich  zu  germanisieren.  Mit  Gewalt
indes  konnte  er  nicht  daran  denken,  es  Heinrich  zu  entreißen,  da  es  dieser
in  ganz  legaler  Weise  von  der  Herzogin-Regentin  erhalten.  Auf  der  anderen
Seite  war  Heinrich  von  Badwide  zu  einem  billigen  Übereinkommen  geneigt;
denn  es  war  sehr  wahrscheinlich,  daß  jetzt,  wo  der  Kampf  beendet  war  und

 

6%  Bahr,  a.  a.  O.,  S.  34  f.

%)  Ohnesorge,  a.  a.  O.,  S.  101.

5%%%%  Helim.  I,  67.

1  Als  Adolf  den  Schleswigern  mit  einem  Heere  zu  Hilfe  zog,  erlitt  er  freilich  durch  die
eutegier  seiner  Leute  eine  Niederlage  von  Magnus.  Helm.  I.  51.

)  Bgl.  S.  73.
f)  Wenigstens  ist  im  Jahre  1143  dieses  Land  christlich,  s.  unten.  —  Polabien  bestand
aus  dem  —  jetzt  preußischen  —  Herzogtume  Lauenburg  und  dem  —  nun  mecklenburg-strelitzschen

  —  Fürstentume  Ratzeburg.