Utbersicht der Ereignisse des Jahres 1874.
vorbereitet sein will. Vielleicht wäre es in der Commission gar nicht
so weit gekommen, wenn nicht der Reichskanzler schon seit geraumer
Zeit von seinem allen Nervenleiden aufs Krankenlager geworfen worden
wäre, so daß er sich an den Reichstagsarbeiten momentan fast
gar nicht betheiligen konnte. Nun aber griff er selbst von seinem
Krankenlager aus energisch ein, indem er einigen Reichstagsmitgliedern
rund erklärte, daß der Kaiser eher den Reichstag auflösen und an
die Nation appelliren werde, als daß er sich die Verstümmelung des
Gesetzes werde gefallen lassen, und wenn dadurch keine andere Majorität
erzielt werden sollte, so würde für ihn, den Reichskanzler, daraus
die Ueberzeugung erwachsen, daß eine feste und zuverlässige Mehrheit
der Volksvertretung, auf welche sich die Regierung stützen könne, überhaupt
nicht möglich sei und damit die Nothwendigkeit, den Kaiser um
seine Entlassung als Reichskanzler zu bitten. Diese energische Erklärung
Bismarcks blieb nicht nur nicht ohne Eindruck auf den Reichstag,
sondern fand sofort auch einen Wiederhall in der öffentlichen
Meinung selbst. Alsbald und in Wahrheit ziemlich unerwarteter Weise
sprachen sich mehrere größere und kleinere Volksversammlungen in verschiedenen
Theilen des Reichs nachdrücklich gegen einen Conflict mit der
Regierung gerade in dieser Frage aus und nun suchte die in der That
vor allen dazu berufene nationalliberale Fraction des Reichstags nach
einer Vermittlung und fand sie am 9. April in einer Fractionssitzung
einmüthig darin, daß die Forderung der Regierung ohne Schmälerung
bewilligt werden solle, aber vorerst nur auf 7 Jahre, nicht für immer.
Mehr war offenbar vom Reichstag nicht zu erlangen und der Compromiß
erschien nach beiden Seiten billig. Der Kaiser gab dazu denn
auch zum Voraus seine Zustimmung und eben so der Bundesrath.
Am 14. April kam die Frage im Reichstag zur Entscheidung. Der
preuß. Kriegsminister Gen. v. Kamecke erklärte ssch mit dem Vermittlungsantrag
einverstanden, wenn er auch Namens der verbündeten
Regierungen erklärte, daß die von diesen geforderte Stärke der Armee
in Friedenszeiten ein unabweisliches Gebot der Nothwendigkeit sei und
daß daher die Erwartung obwalte, es würden die nach sieben Jahren
gemachten Erfahrungen zuversichtlich dahin geführt haben, daß jene
Ziffer dannzumal dauernd oder doch wieder für längere Zeit bewilligt
werde. Die Abstimmung ergab in zweiter Lesung 224 Stimmen
für den Compromißantrag gegen 149, in dritter Lesung 214 gegen