6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 183
als Lehrer der Militärbildungsanstalten gedient hatte, sondern auch als erster Militärschriftsteller
bekannt, und durch diese allseitige Tüchtigkeit gelang es ihm, alle Vorurteile,
welche man in Hannover gegen den „Bürgerlichen“, in Preußen gegen den
„Nichtadligen“ und „Ausländer“ hegte, zu überwinden. Die stramme Haltung eines
preußischen Offiziers fehlte ihm; in unscheinbarer, fast nachlässiger Kleidung ging er
einher, den Kopf gesenkt; das Haar fiel ungeordnet über die Stirn herab; seine
Sprache war leise und langsam. Aber welches Feuer sprühte aus den tiefliegenden,
meistens etwas verschleierten Augen, wenn er das Schlachtfeld betrat! Dann war er
ein Held vom Scheitel bis zur Sohle. — Scharnhorsts Gehilfen bei der Neugestaltung
des Heeres waren vor allem Gneisenau und Grolman, die sich als tüchtige
Heerführer hervorgethan haben,
Boyen, der nach den Freiheitskriegen
dem preußischen Heere seine
dauernde Verfassung gegeben, und
Clausewitz, der klassische Militär=
schriftsteller.
Mit Hilfe dieser Männer R
begann der König die Neugestal— 4**
tung des Heeres. Schon vor der. in
Schlacht bei Friedland hatte er een. rn
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strenges Gericht über die feigen.
Festungskommandanten gehalttn
jetzt untersuchte eine Kommissio
das Verhalten eines jeden Offi- 0
ziers während des Krieges: alle
Schuldigen und Verdächtigen
wurden unerbittlich entfernt. Die «··«
Zöpfe und Gamaschen waren ——
schon im letzten Feldzuge ent- Scharnhorst.
fernt, jetzt wurde die ganze
Kleidung bequemer gemacht; es wurden bessere Gewehre angeschafft, neue
Kanonen gegossen, die Festungen wiederhergestellt. Die Künste des Paradeplatzes
traten hinter die Felddienstübungen zurück. Die wichtigste Anderung
aber, welche das Heer damals und überhaupt erfahren hat, ist die Einführung
der allgemeinen Wehrpflicht. Man kehrte damit zu der altdeutschen Anschauung
zurück, daß jeder Bewohner eines Landes auch dessen
natürlicher Verteidiger, daß die Waffenpflicht eine Ehrenpflicht
sei. Das Söldnerwesen mit seinen Werbungen hörte auf; jeder Wehrfähige
war auch wehrpflichtig, Stellvertretung war nicht gestattet. Das preußische Heer
wurde das Volk in Waffen. Da ihm fortan auch die jungen Leute der
ersten, gebildetsten Familien angehörten, durfte man entehrende Strafen, wie
Stockprügel und Gassenlaufen, nicht mehr anwenden; auch mußten die Offiziere
sich eine größere wissenschaftliche Bildung aneignen als bisher und durften,
da die Bevorzugung des Adels auch im bürgerlichen Leben gefallen war, nicht
mehr allein dem Adelstande entnommen werden. Deshalb wurde bestimmt:
„Einen Anspruch auf Offizierstellen können im Frieden nur Kenntnisse und
Bildung gewähren, im Kriege ausgezeichnete Tapferkeit, Tüchtigkeit und
Uberblick.“ Um die gefährliche Bestimmung des Pariser Vertrages zu umgehen,
hob man 42000 Rekruten aus, übte sie rasch ein und beurlaubte