316 Viertes Buch. Revolution und Reaktion.
Referent der Zentralstelle für Preßangelegenheiten einer der
einflußreichsten Gehilfen Manteuffels, gelegentlich gegen sie
führte, setzte mit der seudalen Partei Hof und Regierung in
Atem und wurde als schwere Gesahr für die gemeinsame Sache
durch einflußreiche Persönlichkeiten fast diplomatisch beglichen,
so daß Quehl sich wieder ganz seiner Hauptaufgabe widmen
konnte, der jeder Art von Polizeiwillkür preisgegebenen liberalen
Presse das Dasein möglichst zu erschweren. Denn wie in der
Wahl ihrer Werkzeuge, so war die herrschende Partei skrupelfrei
auch in der ihrer Mittel. Die Polizei war allmächtig. Vergeblich
warnte der Prinz von Preußen Manteussel davor,
gegen die auch von ihm gefürchteten Demokraten und Superkonstitutionellen
„nur Polizeistaatliches wirken zu lassen“; man
müsse auch Vertrauen zum Volke zeigen und nicht Oesterreich das
Odium seines neuen Polizeistaates auch auf Preußen werfen
lassen; natürlich machte er damit keinen Eindruck. Namentlich
in Berlin selbst führte Polizeipräsident v. Hinckeldey, der nach
dem Urteil eines Manteuffelschen Vertrauten ohne politisches
Prinzip, nur sein eigenes Ich im Auge hatte, ein Willkürregiment,
das sich seiner Gesetzlosigkeit gelegentlich rühmte.
Niemand war davor sicher und sein oft von schmutzigen
Subjekten bedientes Spioniersystem stellte nicht bloß Minister
und Generale, sondern selbst den Thronerben, der der herrschenden
Partei schon wegen seiner Verbindung mit dem um das
„Preußische Wochenblatt“ gesammelten, sorgsam polizeilich
beobachteten Kreise von hohen Beamten höchst verdächtig war,
unter geheime Aufsicht, ja, setzte sich mit Hilfe bestochener
Diener und Subalternbeamten in den Besitz ihrer Korrespondenz
und Tagebücher. Denn den Heäuptern der Camarilla traute
Manteuffel so wenig, wie sie ihm. Ein Diebstahl der Art,
der zwar nicht im Auftrage, aber doch im Interesse Manteuffels
verübt war und einen erschreckenden Einblick in die sittliche
Verkommenheit der herrschenden Polizeiwirtschaft eröffnete,
wirbelte zwar gewaltigen Staub auf, hatte aber schließlich
keine weiteren Folgen. Hinckeldey insbesondere blieb so fest
in der Gunst des Königs, daß er selbst der Camarilla unbequem
wurde. Ueberhaupt wurde dieser die Erfahrung nicht erspart,