Die Kriegswochen von 1866 in Leipzig 545
verachtender herausgefordert.“ — „Mit der Beseitigung der kleinen
Kronen vollzieht sich nur ein Akt der historischen Notwendigkeit.
Wer aus der Vergangenheit aller Nationen Europas noch immer
nicht gelernt hat, daß die Kleinstaaterei in gereiften Kulturvölkern
keine Stätte hat, und daß der Zug der Geschichte auf das Zu—
sammenballen großer nationaler Massen weist, dem müssen sich nach
den Erfahrungen dieser reichen Wochen endlich die Augen öffnen.
Die Hülle heuchlerischer Phrasen, womit man so lange die Geheim—
nisse des mittelstaatlichen Lebens verdeckte, ist durch das Schwert
hinweggerissen, und darunter tritt zu Tage — eitel Fäulnis und
Moder.“ — „Die Mittelstaaten sind wohl im stande, ein gewisses
schläfriges Behagen im Volke zu erregen, doch nicht eine wagende
Hingebung, opferfreudige Staatsgesinnung.“ — Vortrefflich ist folgende
Stelle: „Die Einverleibung in den preußischen Staat wird
für alle gesunden arbeitenden Klassen des Volkes ein reiner Gewinn
sein. Darunter leiden werden nur die unmittelbaren Umgebungen
der kleinen Höfe, der kleinere unfähige Teil des Beamtentums, der
arme Adel, der in den zahlreichen Sinekuren der Kleinstaaten willkommne
Versorgung für seine unbrauchbaren Söhne fand, endlich
— last, not least — die Eitelkeit und Rechthaberei des Professorentums.
Es ist ein Jammer, welcher armselige Dünkel an
den kleinstaatlichen Universitäten aufgewuchert ist, wie diese Hochschulen,
berufen, dem ganzen Vaterlande hochsinnig zu dienen, zu
Brutstätten des erbärmlichsten Partikularismus geworden sind. Dem
echten Leipziger Professor ist der Gedanke unfaßbar, daß er aufhören
soll, eine Perle im sächsischen Rautenkranze zu sein. Unbemerkt
rauschen die brutalen Thatsachen der Geschichte an dem
geschlossenen Auge des Doktrinärs vorüber; wenn sie ihm grausam
seine Zirkel stören, so wird er verdrießlich und fühlt sich persönlich
beleidigt.“ — „Sachsen ist ein Staat, Preußen ist ein Staat,
folglich müssen sie zusammen einen Bundesstaat bilden. Erst wenn
gewisse unwiderlegliche staatsrechtliche Paragraphen ein Gemeingut
aller Deutschen geworden sind, wird sich auf friedlichem Wege,
durch rechtlich-sittliche Mittel Deutschlands Verfassung neu gestalten.
— Nein, schauet sie mit hellen Augen an, die wundervolle
Wirklichkeit, wie sie strahlt in jugendlicher Lebenskraft, und laßt
euch nicht bethören durch die Afterweisheit der Doktrinäre.“
Busch, Tagebuchblätter III 35