Full text : Preußische Geschichte. Erster Band. (1)

16  Einleitung.

trotz  aller  künstlichen  Wendungen  mit  dem  obersten  Gesetz  aller
Geschichte,  der  Wahrheit,  in  Konflikt  geraten  muß.  Aber  wie
man  seiner  Zeit  jene  folgenschweren  Neuerungen  beschloß,  ohne
—  im  Gegensatz  zu  dem  bei  allen  anderen  Wissenschaften  beobachteten
  Verfahren  —  auch  nur  einen  einzigen  der  berufenen
Vertreter  der  Geschichtswissenschaft  zu  hören,  so  sind  auch  jene
Verwahrungen  und  Mahnungen  ungehört  verhallt.

In  einem  gewissen  Grade  freilich  ist  die  Gefahr  teleologischer
  Voreingenommenheit  und  patriotischer  Uebertreibung
mit  allem  Unterricht  in  vaterländischer  Geschichte  verbunden.
Aber  durch  die  offizielle  Anerkennung  der  ersteren  und  die  mittelbare
  Empfehlung  der  letzteren  ist  sie  für  die  Behandlung  der
vaterländischen  Geschichte  auf  den  preußischen  Schulen  wesentlich
gesteigert.  Weniger  wohl  als  die  Darstellung  der  Thatsachen
und  Verhältnisse  wird  darunter  zunächst  die  der  historischen
Persönlichkeiten  zu  leiden  haben,  an  welche  die  geschichtliche
Wahrheit  verhüllende  oder  entstellende  legendare  Züge  sich  ohnehin
  so  gern  anheften.  Gewisse  Schranken  werden  der  Mitteilung
  der  vollen  historischen  Wahrheit  im  Unterricht  immer
gezogen  werden,  einmal  durch  die  schuldige  Pietät,  dann  durch
die  Rücksicht  auf  die  Jugend  selbst.  Zetzt  aber  steht  zu  befürchten,
daß  statt  mit  geschichtlich  möglichst  ähnlichen  Porträts  unsere
Vergangenheit  mit  lauter  Idealfiguren  bevölkert  werde.  Am
meisten  dürfte  das  natürlich  in  betresf  der  Herrscher  selbst  der
Fall  sein,  die  bei  solcher  Behandlung  nur  allzu  leicht  zu  wesenlosen
  Schemen  werden.  Als  Verkörperungen  mehr  oder  minder
aller  menschlichen  Vollkommenheiten  und  als  Träger  von  Einsichten
  und  Absichten,  mit  denen  sie  ihrer  Zeit  weit  vorausgeeilt
  sein  sollen,  werden  sie  von  dem  Boden  gänzlich  gelöst,
in  dem  sie  wurzelten,  der  ihr  Handeln  und  ihre  Erfolge  bedingte
  und  ohne  den  auch  ihr  geschichtliches  Verständnis  nicht
möglich  ist.  Sollten  aber  einer  solchen  panegyrischen  Geschichtsbehandlung
  gegenüber  dem  Knaben  und  Jüngling  nicht  allerlei
Zweisel  aussteigen"  Die  moderne  Jugend,  auf  die  früheren
Geschlechtern  unbekannte  Faktoren  in  Menge  vorzeitig  aufklärend
einwirken,  ist  zu  gläubiger  Auf=  und  Annahme  von  dergleichen
nicht  naiv  genug.  Sie  wird  sich  ihre  besonderen  Gedanken