Contents : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Erster Teil. (1)

Rachfahl:  Die  politischen  Parteien  Deutschlands

Ahnlich  gestaltete  sich  das  Berhältnis  Bismarcks
zu  den  Liberalen,  ohne  jedoch  7  einem  gleichergestalt
  befriedigenden  Schlußergebnissezu  führen.  Unter
  dem  gewaltigen  Eindruck  der  unvergleichlichen  Erfolge
  der  auswärtigen  Politik  Bismarcks  im  Jahre
1866  vollzog  sich  im  preußisch-deutschen  Liberalismus
  eine  Selbstbesinnung  und  Neuorientierung.
  Die  doktrinär-parlamentarischen  Tendenzen
traten  in  den  Hintergrund;  es  galt,  den  schwer  errungenen
  Bundesstaat  im  Innern  zweckmäßig  und  zu
wohnlichem  Behagen  einzurichten;  K  mehrten  sich  ich
im  Lager  des  Liberalismus  die  Stimmen,  die  a
dessen  vornehmste  Aufgabe  ein  positives  Mitwirken
bei  der  Aufrichtung  des  Nationalstaates  erklärten.  Bei
der  Abstimmung  über  die  Indemnitätsvorlage  fiel  die
Fortschrittspartei  in  zwei  fast  gleiche  Hilsten  ausK
einander,  die  Unversöhnlichen  unter  Waldeck  und
Hoverbeck,  die  Gemäßigteren  unter  Lasker  und  Forckenbeck;
  aus  diesen  und  den  gleichgesinnten  liberalen  Elementen,
  die  1867  in  den  norddeutschen  Reichstog  einzogen,
  bildete  sich  die  Partei  der  -Nationalliberalen.,
  die  es  in  dem  erwähnten  Parlament  auf  eine
Stärke  von  79  brachte,  und  in  der  auch  die  Reste  der
Atliberalen  aufgingen.  Im  Gegensatz  zu  ihr  vermochten
  die  Fortschrittler  nur  19  Mandate  zu  erringen,
  darunter  10  in  Preußen.

tellte  sich  der  Liberalismus,  insofern  er  der  neuen
Partei  angehörte,  also  auch  der  Regierung  in  erhöhtem
  Maße  zur  Verfügung,  so  docn  nicht  ohne  den
Hintergedanken,  daß  sich  ja  dann,  wenn  erst  die  materiellen
  liberalen  Prinzipien  in  der  Verwaltung  voll
durchgeführt  wären,  auch  das  formale  Prinzip  des
Liberalismus,  der  Parlamentarismus,  ganz  von
selbst  durchsetzen  und  im  neuen  Reiche  heimisch
werden  würde.  Es  begann  iebt  in  Preußen  und
Deutschland  eine  #ra  der  liberalen  Gesetzgebung,
egründet  auf  ein  enges  Zusammenwirken  zwischen
er  Regierung  und  dem  Gros  der  Liberalen;  ihren
H#hepunte  erreichte  sie  in  der  ersten  Hälfte  der  1870er
ahre.

Konservative  und  Liberale  waren  die  beiden  Parteien,
  mit  denen  Bismarck  bei  der  Reichsgründung
in  der  Hauptsache  zu  rechnen  hatte.  Daneben  entstanden
  nunmehr  zwei  neue  Parteien,  die,  wie  es
sich  in  der  Folgezeit  herausstellte,  den  größten  Nutzen
von  der  durch  Bismarck  für  den  neuen  Bundesstaat
bewirkten  Demokratifierung  des  Stimmrechtes  haben
sollten,  Sozialdemokratie  und  Zentrum.  Hervorgegengen
  aus  dem  1863  durch  Lassalle  gegründeten

gemeinen  deutschen  Arbeiterverein,  stellte  sich  die
Sozialdemokratie  als  eine  auf  wirtschaftlichem
und  sozialem  Untergrund  beruhende  Klassenbewegung
des  vierten  Standes  dar;  die  durch  das  gleiche  materielle
  Interesse  verbundenen  Massen  mit  unwiderstehlicher
  Gewalt  in  schnell  wachsendem  Umfange  in
ihren  Bannkreis  ziehend,  nahm  sie,  sich  immer  starrer
in  den  marxistischen  Grundsätzen  verankernd,  unter
der  Leitung  von  Bebel  und  Liebknecht  steigend  einen
ausgesprochen  internationalen  Charakter  an.  Schon
das  und  ebendarumihre  grundsätzlich  ablehnende  Haltung
  gegen  die  staatlichen  Zwecke  und  Bedürfnisse,
ihr  feindliches  Auftreten  gegen  alle  anderen  Klassen
der  Bevölkerung  zugleich  mit  einer  maßlos  verhetzenden
  Agitation  beim  industriellen  Proletariat  machten
der  Regierung  jedes  Paktieren  mit  ihr  unmöglich,
nachdem  Bismarck  zuerst  einige  Fühlung  mit  Lassalle

esucht  hatte,  um  zu  sondieren,  ob  er  an  der  neuen

wegung  ein  Gegengewicht  gegen  das  damals  im

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Landtag  herrschende  frondierende  liberale  Bürgertum
  zu  gewinnen  vermöchte.  Ihr  Wachstum  war
ganz  enorm;  während  sie  noch  bei  den  Reichstagswahlen
  von  1871  nur  etwa  125000  Stimmen  und
zwei  Mandate  zu  verzeichnen  hatte,  war  sie  1877  bereits
  bei  ½  Million  Stimmen  und  einem  Dutzend  von
Mandaten  angelangt.  Noch  viel  bedenklicher  war

die  vergiftende  Wirkung  ihrer  Agitation,  zumal  der

anarchistischen  Elemente,  die  sich  erst  gegen  Ende  der
1870er  Jahre  förmlich  von  ihr  trennten;  es  wurde
dadurch  einer  Verrohung  und  Verwilderung  der  Gemüter
  Vorschub  geleistet,  die  den  Nährboden  abgaben,
  auf  dem  Untaten  aufsprießen  konnten,  wie  die

ttentate  Hödels  und  Nobilings  gegen  Wilhelm  I.

11.  Mai  und  2.  Juni  1878).  So'ensschloß  sich  denn

ismarck,  den  Kampf  auf  Tod  und  Leben  mit  der
Sozialdemokratie  aufzunehmen,  und  zwar  in  doppelter
  Hinsicht:  die  Partei  als  solche  sollte  mit  Gewalt
unterdrückt,  das  von  ihr  vertretene  Klasseninteresse
aber  durch  eine  Sozialgesetzgebung  im  großen  Stile
befriedigt  und  ihre  Stellung  bei  der  Arbeiterklasse
dadurch  entwurzelt  werden.

Noch  schneller  und  unmittelbarer  waren  die  Erfolge,
  die  durch  das  neue  demokratische  Stimmrecht  das
Ben  trum  errang.  Es  entstand  als  eine  ausgeprägt
onfessionelle  Partei.  Schon  in  der  Frühzeit  des
preußischen  Parlamentarismus  hatte  sich  (1852)  eine
Pkatholische  Fraltion«  gebildet,  63  Abgeordnete  stark;
sie  sank  während  des  Honfitktes  in  dem  sie  es  übriens

  mit  der  Regierung  hielt,  auf  27  (1862)  und
päter  (1866)  auf  5  herab;  1867  verschwand  sie  ganz
und  gar.  Der  spätere  Hauptführer  des  Zentrums,
Windthorst,  gehörte  zwar  dem  norddeutschen  Reichstage
  an;  er  war  aber  dort  =  Präses=  des  von  ihm
gegründeten  bundesstaatlich  konstitutionellen  Vereinse,
  der  sich  aus  etwa  20  Partikularisten,  Welfen,
Schleswig-Holsteinern  usw.  zusammensetzte.

Unmittelbar  nach  der  Herstellung  des  Reiches
wurde  der  Versuch  einer  katholischen  Parteigründung
wiederholt,  und  es  kam  nunmehr  eine  dauerhafte
Organisation  zustande.  Die  Ziele,  die  man  dabei  im
Auge  hatte,  waren  vor  allem  kirchenpolitischer  Natur:
im  Innern  übernahme  von  Art.  15,  16  und  18  der
preußischen  in  die  Verfassung  des  neuen  Reiches,  da
durch  sie  das  System  der  „Freiheit  der  Kirche#  mit  allen
daran  geknüpften  Aspirationen  auf  die  Mitwirkung
des  weltlichen  Armes  in  Verbindung  mit  streng  konfessionellem
  Volksschulunterricht  gewährleistet  war;
für  die  auswärtige  Politik  wurde  das  Eintreten  des
Reiches  für  die  weltliche  Machtstellung  des  Papstes
verlangt.  Daneben  enthielt  das  Programm  Forderungenrein
  politischer  Natur,  dieihrer  kühlen  Stellung

egen  staatliches  Wesen  überhaupt  und  zumal  die  zur
Fet  bestehenden  staatlichen  Verhältnisse,  insonderheit
die  Reichsgründung  unter  preußischer  Führung,  entsprachen:
  Beschränkung  der  militärischen  Ausgaben
und  Dienstzeit,  Kampf  gegen  den  -Militarismus=  und
„  Imperialismuse,  Betonung  des  föderativen  Charakters
  des  Reiches.  Bei  den  Landtagswahlen  Ende
1870  wurden  mehr  als  ½  Hundert  Abgeordneter  auf
dieses  Programm  hin  gewählt;  sie  konstituierten  sich
im  Dezember  dieses  Jahres  unter  dem  farblosen  Namen
  einer  „Zentrumspartei-;  ihre  Führer  waren
Windthorst  und  Mallinckrodt.  Noch  stärker  traten  sie
auf  Ende  März  1871  im  ersten  deutschen  Reichstage;
hier  verschmolz  mit  ihnen  die  bisherige  patriotische
Partei#  Bayerns;  Welfen  und  Polen,  dann  auch
Elsaß-Lothringer  wurden  ihre  Annexe.  Alsbald  be-