Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Dritter Teil. Bis zur Juli-Revolution. (26)

Siebenter  Abschnitt.

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Altständisches  Stillleben  in  Uorddeutschland.

In  jenen  matten  Zeiten,  da  die  Deutschen  an  ihrer  Zukunft  mit
Gelassenheit  verzweifelten,  pflegte  die  Geschichtsphilosophie  des  Particularismus
  aus  der  Noth  eine  Tugend  zu  machen  und  die  Zersplitterung
des  Vaterlandes  gradeswegs  aus  dem  Charakter  unseres  Volkes  herzuleiten.
  Und  doch  lehrte  der  Augenschein,  damals  noch  deutlicher  als  heute,
daß  die  bunte  Mannigfaltigkeit  unserer  Staatsgebilde  keineswegs  in  der
natürlichen  Anlage  der  deutschen  Stämme  und  Stammessplitter  ihren
Grund  hatte.  Bis  zum  Jahre  1830  standen  die  kleinen  Territorien  des
Nordens  in  ihrer  politischen  Entwicklung  dem  preußischen  Staate  ferner
als  die  constitutionellen  Staaten  des  Südens;  sie  verharrten  in  einer
veralteten  Gesellschaftsordnung,  welche  die  norddeutsche  Großmacht  schon
seit  den  Tagen  des  großen  Kurfürsten,  Süddeutschland  seit  dem  napoleonischen
  Zeitalter  überwunden  hatte.  In  Preußen  wie  in  Baiern,  Württemberg,
  Baden,  war  der  altständische  Staat  im  Wesentlichen  zerstört.
Hier  wie  dort  bestand,  wenn  auch  in  sehr  verschiedenen  Formen,  ein
modernes  Gemeinwesen,  das  auf  den  Gedanken  des  gemeinen  Rechtes
und  der  Staatseinheit  ruhte.  Hier  wie  dort  schaltete  eine  lebendige
monarchische  Gewalt  über  den  socialen  Gegensätzen  und  suchte  Adel,
Bürger,  Bauern  zu  gemeinsamer  Arbeit  für  den  Staat  heranzuziehen.
Hier  wie  dort  wurde  der  Staat  durch  die  Erwerbung  neuer,  schwer  zu
versöhnender,  kirchlich  gemischter  Provinzen  zu  rühriger  Verwaltungsthätigkeit
  und  zu  einer  wachsamen  Kirchenpolitik  genöthigt.

Wie  anders  der  Zustand  der  norddeutschen  Klein=  und  Mittelstaaten,
die  durch  Nachbarschaft  und  Verkehr,  durch  die  Gemeinschaft  des  Blutes
und  der  protestantischen  Bildung,  auch  durch  die  Macht  ihres  Großgrundbesitzes
  und  die  Aehnlichkeit  der  socialen  Zustände  ganz  auf  Preußen
angewiesen  schienen  und  gleichwohl  durch  die  unheimliche  Erstarrung  ihres
politischen  Lebens  dem  mächtigen  Nachbar  völlig  entfremdet  waren.  Sie
hatten  aus  dem  Länderhandel  der  napoleonischen  Tage  nur  geringfügige
oder  auch  gar  keine  Erwerbungen  davon  getragen  und  bewahrten  sich  mit