338 Friedensschluß.
In der Staatskanzlei gab man jedoch bei ruhigerer Überlegung noch
nicht alle Hoffnung verloren. Damals hatte Vogel von Falckenstein seinen
Adlerflug noch nicht vollführt, die beiden mit Osterreich verbundenen, gegen
100000 Mann starken verbündeten Armeen von Süddeutschland waren noch
nicht handgemein mit der preußischen „Mainarmee"“ geworden, und so hielt
man in Wien eine Wendung der Dinge zum Besseren noch sehr wohl für möglich,
zumal da man für gewisse äußerste Fälle auf die Unterstützung des mächtigen
und klugen Nachbarn jenseit des Rheins glaubte rechnen zu dürfen.
Der Gang der Dinge in Italien erleichterte die politischen Berechnungen
der Wiener Staatskanzlei. Die Osterreicher hatten in dem mit Italien entbrannten
Kampfe mit ihrer zu Anfang der Schlacht von Custozza 60 000 Mann
starken, im Fortgange derselben durch Heranziehung neuer Truppen bis auf
fast 80000 verstärkten Armee den Sieg über die nur 50000 Mann zählende
italienische Truppenmacht davongetragen. König Viktor Emanuel hatte den
Krieg begonnen, um „Italien bis zur Adria“ zu gewinnen. Auf den Verlust
von Venedig war man in Wien gefaßt, und wie jetzt die Verhältnisse lagen, schien
die Zeit gekommen, Venetien freiwillig aufzugeben. Schloß Italien sofort
Frieden, sobald es Venetiens sicher war, dann konnte man die durch den Sieg
gehobene Armee des Erzherzogs Albrecht sofort den vorrückenden Preußen entgegenwerfen.
Einmal um den unter den obwaltenden Verhältnissen immerhin
mißlichen direkten Verhandlungen mit Italien zu entgehen, sodann, um dem
ehrgeizigen Franzosenkaiser zu schmeicheln und ihn um so sicherer für die
österreichischen Interessen zu gewinnen, faßte die österreichische Staatsleitung
den Entschluß, Venetien nicht unmittelbar an Italien, sondern an Kaiser
Napoleon abzutreten. Selbstverständlich konnte er es nicht behalten, er mußte
es Italien überlassen. Wenn er aber das in der That für ihn und für die
Franzosen schmeichelhafte Anerbieten Osterreichs annahm, so konnte er auch
den Wunsch des letzteren, mit Preußen einen längeren Waffenstillstand nötigenfalls
mit allem Nachdruck zu vermitteln, nicht zurückweisen. Gegönnt wurde
den Preußen von den Franzosen ihr glänzender Waffenerfolg ohnehin nicht,
und die „Ehre Frankreichs“ erheischte zudem die Vollendung des begonnenen
Werkes der Befreiung Italiens.
Im Hintergrunde der politischen Berechnungen der österreichischen Staatsmänner
mochte sich vielleicht auch der Gedanke verbergen, daß Napoleon mit
seinen Vermittelungsversuchen bei Preußen auf Widerstand stoßen und dadurch
veranlaßt werden könnte, mit bewaffneter Hand zu gunsten Osterreichs einzugreifen.
Dazu sollte es aber nicht kommen. Einmal war Preußen bereit
und entschlossen, trotz seines vollständigen Sieges in seinen politischen Forderungen
an Osterreich und dessen deutsche Verbündete nicht über das zur Verwirklichung
seiner deutschen Politik Notwendigste hinauszugehen; anderseits
ließ sich Napoleon — wem auch vielleicht „der Not gehorchend, nicht dem
eignen Triebe"“ — an dem äußeren Ruhm einer glänzenden Vermittlerrolle
für dieses Mal genügen, die Erlangung weiterer greifbarer Erfolge und die
Ausnutzung der neu geschaffenen Lage der Zukunft und einer günstigeren Gelegenheit
vorbehaltend.